Architektonische Relikte der Bremer Borgward-Gruppe

banner borgward reste in bremenSind Sie in Bremen ? Dann besuchen Sie Borgward ! So stand es zu Werbezwecken einst auf Bremer Falck-Stadtplänen. Mancher Borgward-Eigner machte vom Angebot gern Gebrauch und stattete dem Werk in Sebaldsbrück einen Besuch ab. Vielleicht holte er bei dieser Gelegenheit sogar seine neue Isabella ab. Heute ist das leider nicht mehr möglich, denn die Geschichte Borgwards endete bekanntlich Anfang der Sechziger mit einem tragischen Finale. Immerhin gibt es aber architektonische Spuren des Automobilkonzerns, die einen Besuch lohnenswert machen.
 
Aus den Bremer Straßen sind die Autos des Carl F.W. Borgward schon vor Jahrzehnten verschwunden. Nach und nach hat man sich auch vieler architektonischer Relikte der Borgward-Werke entledigt, so wich etwa in den Achtzigern ein Großteil der ehemaligen Lloyd Motoren Werke einem Supermarkt. Sehr beklagenswert der erst 1998 erfolgte Abriß eines großen Teils der architektonisch erhaltenswerten Goliath Werke in Bremen Hastedt. In einem erst 1999 veröffentlichten Brief des Bremer Landesamtes für Denkmalpflege hieß es dazu, man teile die Auffassung, dass es sich insbesondere bei der Motorenhalle und der viertelkreisartig geschwungenen Rundhalle – beide in den 30 Jahren von dem bedeutenden Architekten Rudolf Lodders entworfen – um Baudenkmale in industriegeschichtlicher Hinsicht handele. Bremen hat dort trotzdem ein Einkaufszentrum errichten lassen. Immerhin ist aber das einstige Hauptgebäude des Goliath-Werkes in gutem Zustand, vor Jahren ist es restauriert und sogar wieder mit einem Goliath-Schriftzug an exponierter Stelle versehen worden.
 
Was bleibt als von den Bauten der Borgward-Gruppe ? Einige von öffentlichen Straßen aus sichtbare Fabrikationsgebäude in Bremen Hastedt, Neustadt und Sebaldsbrück, manche davon vielfältig genutzt, wenige sogar noch industriell. Vor allem aber die Erinnerung an einen Konzern, der heute wie kein zweiter für den Mythos des bundesdeutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit steht.
Das Borgward-Stammwerk in Bremen-Sebaldsbrück
Eingeweiht im Jahre 1938 wurden im Stammwerk Bremen-Sebaldsbrück alle Borgward-Personenwagen gefertigt. Bis 1960 entstanden auf dem weitläufigen und 1938 durch Borgward bezogenen Areal viele Neu- und Erweiterungsbauten, die dem Neuaufbau, aber auch dem Anwachsen der Fahrzeugproduktion Rechnung trugen. Fast alle Gebäude wurden vom Hamburger Architekt Rudolf Lodders entworfen, der Borgwards Hausarchitekt war.
 

An der Pförtnerei vorbei geht 1960 der Blick auf das bekannte Borgward-Hauptgebäude. Kleines Bild: Ähnliche Perspektive 1990. Beide Gebäude gehören noch zum Bestand. Bilder: Lodders / Jan Eggermann / Archiv Garage 2CV

Unmittelbar nach Abwicklung der Borgward-Gruppe übernahm zunächst Hanomag Teile der Werke in der Sebaldsbrücker Heerstraße, später ging ein Großteil des Areals an Daimler-Benz. Das Unternehmen betreibt am stark erweiterten Standort noch heute eine Automobilproduktion und hat zu diesem Zweck alles an moderne Bedürfnisse angepasst. Ein kleinerer Teil des Areals – darunter das ehemalige Borgward-Verwaltungsgebäude – ging an das Unternehmen Atlas.
 
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Aus Borgward-Tagen sind sowohl bei Daimler-Benz, als auch bei Atlas noch etliche Relikte erhalten geblieben, so etwa Werkshallen in ihrem Grundbestand, die ehemalige Pförtnerei, das heute etwas verloren wirkende Borgward-Verwaltungsgebäude, und sogar Teile der 1938 zur Werkseröffnung angelegten Pappelallee.
 
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Anläßlich eines Borgward-Welttreffens zum einhundertsten Geburtstag von Carl F.W. Borgward wurde 1990 ein Gedenkstein errichtet. Er befindet sich auf der anderen Seite der Sebaldsbrücker Heerstraße, etwa gegenüber der ehemaligen Pförtnerei.
 

Das Goliath-Haus ist das einstige Hauptgebäude des Goliath-Werkes und befindet sich in einem guten Zustand, inkl. des Dachappartements von Carl Borgward aus unmittelbarer Nachkriegszeit. Bild: Jan Eggermann / Archiv Garage 2CV

Das Goliath-Haus ist das einstige Hauptgebäude des Goliath-Werkes und befindet sich in einem guten Zustand, auf dem Dach noch das Appartement von Carl F.W. Borgward aus unmittelbarer Nachkriegszeit. Bild: Jan Eggermann / Archiv Garage 2CV


 
Das Goliath-Werk in Hastedt
Das Areal des Dreiradwerkes mit seinen sehr charakteristischen Gebäuden befand sich noch bis 1998 in seinem originalen Nachkriegszustand. Von den Standorten der Borgward-Gruppe war das am Hastedter Osterdeich gelegene Werk das traditionsreichste, hier liegen quasi die Wurzeln bremischen Automobilbaus: Bevor Borgward die Gebäude 1928 übernahm, waren hier schon seit 1908 von der NAMAG (Norddeutsche Automobil- und Motoren-Actien-Gesellschaft Kraftfahrzeuge produziert worden. Nach einer Fusion mit den Hansa-Werken aus Varel unter dem Markennamen Hansa-Lloyd. Nach dem zweiten Weltkrieg war neben dem Goliath-Werk zunächst auch die Lloyd Maschinenfabrik hier untergebracht, zwischenzeitlich residierte auch Carl Borgward in Dachbungalow des heutigen Goliath-Hauses, dem architektonischen Erkennungszeichen des Goliath-Werkes. Oben links das heute noch erhaltene und vor einigen Jahren mustergültig sanierte „Goliath-Haus“. Es beherbergte das Ersatzteilwerk und dient heute kleinen Unternehmen. Unten links das 1998 zugunsten eines Supermarktes abgerissene „zweite“ architektonische Markenzeichen des Goliath-Werkes: der „Rundbau“ im Jahre 1951, hinten das „Goliath-Haus“. Rechts daneben ein Blick vorbei an den mittlerweile abgerissenen Hallen 14, 15, 18 im Jahre 1990. Gut erkennbar ist damals auch noch der Gleisanschluß des Goliath-Werkes.
 
Die Borgward-Verkaufsgesellschaft in Hastedt
In der Hastedter Föhrenstraße und somit in fast umittelbarer Nähe zum Goliath-Werk befand sich bis ins Jahr 1961 die Borgward-Verkaufsgesellschaft. Wer wollte, konnte hier konnte seinen Borgward direkt vom Hersteller kaufen. Die Architektur des Empfangs- und Hauptgebäudes war unverkennbar an die verglaste Fassade der Borgward-Hauptverwaltung angelehnt. Nach dem Konkurs ging der Gebäudekomplex an einen Ford-Händler, der das Gebäude auch heute noch nutzt und aus historischen Gründen nichts wesentliches an der Fassade geändert hat. Abgesehen von der zwischenzeitlich abgerissenen Tankstelle und dem fehlenden Borgward-Schriftzug hat das Gebäude bis heute in seinem Originalzustand überlebt. Eine schöne Erinnerung an die Borgward-Zeit !
 
Bremer Neustadt: Die Lloyd Motoren Werke
Mit wachsendem Erfolg von Lloyd wurde die zunächst provisorisch auf dem Goliath-Werksgelände laufende Produktion im Januar 1951 auf das im Westen von Bremen gelegene Werk der ehemaligen Franke-Werke verlegt. Lloyd rangierte Mitte der fünfziger Jahre zeitweise auf Platz 3 der bundesdeutschen Zulassungsstatistik (hinter Volkswagen und Opel) und das Werk wurde dementsprechend ständig erweitert. Bis 1960 entstanden hier nach und nach immer neue Werkshallen, es gab sogar eine kleine Teststrecke mit künstlichen Steigungen und Hindernissen. Nach der Borgward-Pleite 1961 übernahm Siemens Gebäude und Grundstücke. Ein Teil des Areals wurde bis 1963 zur Montage der Arabella genutzt.

Daneben residierten die aus der Konkursmasse hervorgegangenen Lloyd Motoren Werke noch bis 1989 im 1960 errichteten Ersatzteilwerk, dies zunächst als Ersatzteillieferant für alle Fahrzeuge der Borgward-Gruppe, später dann auch für Glas und Goggomobile, als Hersteller für Spezialmotoren und zuletzt als Handelsbetrieb für KFZ-Teile. Nach Aufgabe des Reststandortes (dem Radio Bremen 1986 eine TV-Dokumentation widmete) wich ausgerechnet der „modernere“ Teil des Werksareals inkl. der Teststrecke einem Einkaufszentrum und Parkplätzen, zuletzt wurde 1993/94 das ehemalige Ersatzteilwerk abgerissen.

Im östlichen Teil des Werksgeländes stehen noch die alten Lloyd-Gebäude. Die letzte Arabella verließ 1963 die im Hintergrund zu sehende Halle. Bild: Jan Eggermann
 
Heute stehen nur noch die jahrzehntelang von Siemens und Mdexx genutzten Hallen im östlichen Teil des Werkes, darunter auch das architektonisch durch seine Kraftfahrzeugdurchfahrt auffällige, ehemalige Verwaltungsgebäude. Aktuell scheint das ehemalige Verwaltungsgebäude der Lloyd Motoren Werke einer neuen Verwendung entgegen zu sehen, lesen Sie hierzu Rückblick: Die Arabella wird noch gebaut.

Hauptportal und Verwaltungsgebäude der ehemaligen Lloyd Motoren Werke in der Bremer Richard-Dunkel-Straße im Jahre 2010. Bild: Jan Eggermann / Archiv Garage 2CV


 
Von Jan Eggermann, 2001 / 2014 / 2019
 
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