Ein Méhari aus Amerika: Der IES Safari


 
Kennen Sie den IES Safari ? Dass überhaupt einer der Méhari-Abkömmlinge aus der argentinsichen Provinz überlebt hat, erstaunte auch vor Ort, denn die im Städtchen Mercedes hergestellte Méhari-Abart gehört zu den absoluten Seltenheiten der internationalen 2CV-Geschichte.
 
Von Jan Eggermann, Bilder: Alejandro Beiroa, Archiv Garage 2CV
 
Beim Treffen des Citroën Clubs Buenos Aires im April 2018 staunte man nicht schlecht. Denn unter den teilnehmenden Fahrzeugen – meist ganz normale 3CV aus lokaler Produktion – war überraschend auch ein IES Safari. Eines der wohl seltensten Fahrzeuge in der internationalen 2CV-Geschichte. Denn zwar weiß man, dass der umgelabelte Citroën Mehari von ca. 1984 bis 1986 im IES-Werk Mercedes hergestellt wurde, doch wie viele Exemplare tatsächlich produziert wurden, ist leider nicht mehr überliefert. In jedem Fall müssen es sehr wenige gewesen sein, denn im Gegensatz zu den „originalen“ Citroën Méharis – im Mai 2018 gilt es 50 Jahre Citroën Méhari zu feiern – gibt es heute in Argentinien praktisch kaum noch Safaris und selbst für Insider sind sie echte Seltenheiten. Wie aber kam es zu dem Safari alias Méhari, den man äusserlich vor allem am Reserverad auf der Motorhaube vom Citroën unterscheiden kann ?
 

 
Der argentinische Geschäftsmann Eduardo Sal-Lari hat sich Anfang der achtziger Jahre viel vorgenommen. Als Eigentümer des für Citroën in Argentinien wichtigen Zulieferers Daher-Boge hat er 1980 das gesamte Kapital der Citroën Argentina S.A. übernommen. Denn für Citroën ist das Wirtschaften in Argentinien zusehens schwieriger geworden. Die argentinische Militärjunta verliert rapide an internationalem Ruf, lähmende Handelsbeschränkungen erschweren zusätzlich die Wirtschaftbeziehungen zwischen Europa und Argentinien. Bevor das Unternehmen ganz an die Wand fährt, übergibt es PSA Peugeot Citroën lieber an den einheimischen Geschäftspartner. Auf Grundlage der vorhandenen Produktion für 2CV (sie heißen in Argentinien „3CV“, was eigentlich auch der französischen Steuereinstufung entspricht) will Sal-Lari mittelfristig ein auf Citroën-Tenik basierendes, eigenständiges Modellprogramm aufbauen um später ganz Südamerika mit volkstümlichen und robusten Autos versorgen. Eine schlechte Idee ist das nicht, denn der „Citro“ wird schon seit 1960 mit großem Erfolg zwischen Rio de la Plata und Feuerland verkauft und ist aufgrund seiner robusten Anspruchslosigkeit für die oft noch unerschlossenen Weiten Argentiniens prädestiniert. Im Jahr des Malwinen- bzw. Falklandkrieges 1982 läuft die 3CV-Fertigung mit alter Belegschaft im Citroën-Werk Barracas übergangsweise wieder an. Nach wie vor importiert Sal-Lari auch Citroën Fahrzeuge aus Europa, wobei dieses Geschäft wohl noch im Laufe des Jahres ausläuft.

Der bisherige 2CV-Produktionsort Barracas – auf zeitgenössischen Betriebsanleitungen ist als Adresse „Zepita 3178, Capital Federal“ zu lesen – liegt im Süden von Buenos Aires. Doch das Werk ist schlecht erschlossen und hat auch kein Erweiterungspotential, eingezwängt liegt es zwischen großen Industriebetrieben (etwa die Großdruckereien der landesweit erscheinenden Zeitungen Clarin und La Nacion) und dem Rio Matanzas, einem trüben Brackwasser, das unweit von hier im Fußball- und Touristenviertel La Boca in den Rio de La Plata dümpelt. Einen besseren Standort mit Erweiterungspotential findet Sal-Lari in Mercedes, rund einhundert Kilometer westlich von Buenos Aires.
 

 
Dort startet schon unter dem Markennamen IES im April 1983 die Produktion von 3CV und der Kastenente IES Carga. Zunächst noch provisorisch, denn der Grundstein für das neue und moderne Werk der Industria Eduardo Sal-Lari wird erst im Mai 1983 gesetzt. In nur sechs Monaten ist die Produktionsanlage fertig, im Dezember feiert man schon den eintausendsten IES 3CV. Zu jener Zeit muss auch die Produktion des IES Safari angelaufen sein, jedenfalls verkündet es die offizielle IES-Werbung. Konnte man Méharis in Argentinien bislang unschwer an ausgeschnittenen hinteren Radhäusern erkennen, sieht jetzt alles wieder originaler aus, denn abgesehen von den neuen Logos an Front und Heck, einem Reserverad auf der Motorhaube, dem großen 3CV-Tacho und IES-spezifischen Zündschlüsseln entspricht alles der europäischen Serie. Der größte Unterschied verbirgt sich übrigens unsichtbar im Plastik: Safaris bestehen nicht aus dem Méhari-Kunststoff ABS, sondern aus schlichtem Fieberglas. Die Karrosserieteile werden wie schon beim „Citroën“ Méhari aus Uruguay zugeliefert.
 

 
Alle Zweizylinder unter dem Label IES durchlaufen in kurzer Zeit echte Metamorphosen. Aus dem IES 3CV wird 1985 ein IES América mit gewöhnungsbedürftigen Scheinwerfern, 1987 dann der IES Super América mit vergrößerter Frontscheibe, neuem Armaturenbrett, einem Zentralrohrahmen und anderer Federung (!), elektronischer Bosch-Zündanlage und außen an den Rädern liegenden Scheibenbremsen. An die Ente erinnern jetzt nur noch Silhouette, Motorklang und die Felgen.

Beim IES Safari sind die Änderungen noch größer. Er wird 1988 durch die Weiterentwicklung IES Gringa ersetzt. Der neue Pick-up hat eine geglättete Optik à la Mercedes G-Modell mit geschlossenem Führerhaus. Die Fieberglas-Karosse des Gringa stammt aus einem Werk in Nueva Helvecia in Uruguay. Unter dem „Blech“ sind die IES-Citroën-Gene aber noch unverkennbar: Rahmen und Armaturenbrett des Super América, 2-Zylinder-Boxer mit etwas mehr Hubraum (635 ccm) und eine werksseitige Verbrauchsangabe von 6 Litern Benzin auf einhundert Kilometer. 1989 folgt eine erste kleine Serie der geschlossenen Variante IES Gringo. Sal-Lari soll auch schon einen neuen, wassergekühlten 2-Zylinder-Boxer mit 40 PS-Leistung bei Oreste Berta, einem bekannten Motorenbauer aus Cordoba, in Auftrag gegeben haben. Mehr Leistung für die geplante Expansion auf die anderen Märkte. Doch leider platzt der Traum von argentinischen Citroën-IES-Derivaten für ganz Südamerika schon 1990 in den Wirren der argentinischen Wirtschaftskrise. Schade !
 

 
Lesen Sie auch unseren Bericht zu Citroën in Argentinien.
 
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