Tour de France im Citroën Ami 6 Break

banner tour de franceWie kann ein Automobilkonstrukteur die öffentliche Meinung zu einem seiner Produkte beeinflussen? Vor genau dieser Aufgabe steht Citroën am Ende des Jahres 1966. Sorgenkind aus Sicht der Marketingabteilung: Die Modellreihe Ami 6. Eigentlich kann man am Quai de Javel zufrieden sein: Der seit 1961 produzierte Ami 6 ist damals das meistverkaufte Automobil des französischen Marktes. Der Wagen gilt zwar als gutes Auto, doch seine geringe Motorleistung schreckt immer mehr mögliche Käufer ab. Die auf der Basis des 2CV-Motors entwickelte Ami 6-Maschine mit 600ccm-Hubraum und 24,5 PS will in Sachen Höchstgeschwindigkeit nicht recht zum ansonsten gut gelittenen Ami 6 passen.

Paul Massonet, technischer Kommissar der französischen Automobilsportvereinigung, überwacht die gesamte Fahrt. Er folgt den beiden Ami 6 Break an Bord einer DS 21.

Um Punkt 21 Uhr starten die beiden Ami 6 am Werkstor in Rennes-la-Janais.

„Nicht schnell genug,“ bekommen Citroën-Verkäufer in jenen Tagen immer wieder zu hören. Von den unbestritten guten Eigenschaften der Maschine – sie ist robust und zuverlässig – spricht kaum jemand: Der Ami 6 gilt als lahme Krücke. Um die Öffentlichkeit von den wahren Tugenden des Ami 6 zu überzeugen, entschließt man sich zu einer spektakulären Werbeaktion: Eine echte Tour de France im Ami 6. Echt deshalb, weil man nicht etwa im Gefolge der Tour für Velofahrer unterwegs sein wird, sondern eine ganz unabhängige Zeitfahrt durchführt.
Inspiriert ist die Idee zur Tour de France en Ami 6 von den gleichnamigen Fahrten durch die Schweiz, die die Genfer Niederlassung seit Jahren für 2CV und Ami 6 initiiert hat,

Nächtlicher Zwischenstopp irgendwo unterwegs.

Am 19. Dezember 1966 – es ist Punkt 21 Uhr – starten am Werkstor von Rennes-la-Janais zwei nagelneue Ami 6-Break. Sie entstammen der laufenden Produktion. Vor Beginn der Fahrt sind sie von einem technischen Kommissar der französischen Rennsportvereinigung auf ihre Serienmäßigkeit hin überprüft worden. Um Manipulationen während der Fahrt auszuschließen, sind die wichtigsten mechanischen Organe verplombt worden, die gesamte Fahrt wird von unabhängigen Beobachtern begleitet.

Im Morgengrauen befinden sich beide Fahrzeuge bereits im tiefen Süden Frankreichs zwischen Caracasonne und Narbonne.

Die beiden Teams (Johnny Rives, Automobiljournalist/Bruno Pompanon, Automechaniker und Roland Chabas, Student/Ephrem Trente, Autoverkäufer) verlassen Rennes-la-Janais in der Bretagne noch bei relativ guter Witterung: Es ist mild und regnet nicht. Bereits eine Stunde später – man ist auf Höhe Nantes -befindet man sich in stärksten Regenschauern, die die ganz Nacht hindurch anhalten. Unterbrochen wird die Fahrt lediglich durch unvermeintliche Tankstopps alle 260-280 Kilometer. Knapp neun Stunden später haben beide Fahrzeuge bereits das Mittelmeer in Höhe Narbonne erreicht: Fahrerwechsel in der Morgendämmerung.

Autobahnen sind 1966 noch selten: Der größte Teil der „Tour de France“ führt die beiden Ami 6 über Nationalstrassen.

Montpellier und Nimes sind weitere Wegmarken im Süden. Bei Montelimar schwenken die Fahrzeuge nördlich auf die „N 7“ ein: Doch zu dieser Jahreszeit hat Frankreichs berühmteste Urlaubsstrasse nichts mit Charles Trenets „Nationale 7“ zu tun: Das Wetter bleibt beständig schlecht. Um 10.37 Uhr lässt man Lyon hinter sich, Chalon wird um 12.07 Uhr passiert, Nancy um 15.14 Uhr. Über Reims in der Champagne (17.26 Uhr) und Saint-Quentin (18.34 Uhr) erreicht man das Ziel der Fahrt – Paris – um 20.11 Uhr.

Ausstellungsstück: „Dieser Ami 6 fuhr die Tour de France mit einem Durchschnitt von 89,6 km/h in weniger als 24 Stunden.“

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Am Ende der Fahrt haben beide Fahrzeuge trotz ihrer relativ bescheidenen Motorleistung ein beachtliches Ergebnis eingefahren: 2077 Kilometer durch ganz Frankreich in genau 23 Stunden und 11 Minuten, Durchschnittsgeschwindigkeit: 89,6 km/h. Warum konnte der Ami 6 diese Leistung erbringen?
Für die Citroën-Werbung ist die Antwort schnell gefunden: Aufgrund robuster Mechanik, aufgrund außerordentlich guter Strassenlage und seiner benutzerfreundlichen Handhabung. All diese Eigenschaften – so Citroën – machten den Ami 6 zu einer echten Langstreckenlimousine.
Die Zeitschrift L´Equipe bringt es in ihrer Dezember-Ausgabe 1966 etwas objektiver auf den Punkt: Natürlich erreicht ein Ami 6 nicht die Spitzengeschwindigkeit eines Ferrari, doch seine Konstruktion ermöglicht immerhin eine Durchschnittsgeschwindigkeit nahe an seinem erreichbaren Potential. Und das bei größtmöglicher Sicherheit.

Text: Jan Eggermann, 2005
Bilder: Citroën/Archiv garage2cv.de

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