Das Citroën Mysterium

Im Oktober 1948 wird der 2CV erstmals vorgestellt.

France-Soir
Reißerischer Artikel zur 2CV-Vorstellung vom November 1948

Stärker als je zuvor wütet die Werksspionage bei Citroën. 50 motorisierte Polizisten durchkämmen die großen Fabrikationsanlagen am Quai de Javel auf der Suche nach „suspekten“ Personen. Suspekt sind all diejenigen die kleinste Indiskretionen nach außen tragen könnten. Schon häufig haben die Ermittlungen auch jenseits der um die Firma gezogenen Mauern stattgefunden. Wohl auch darum behält der 2CV – „Clou“ des letzten Salon d´Automobile“ – viel von seinem Mysterium. „Der 2CV vom letzen Salon? Ein Alibi-Auto!“ mutmaßen viele. M. Boulanger – verschmitzter „Grand-Boss“ bei Citroën – hat indes die Zügel in der Hand. Er und kein anderer gibt intern die grundlegenden Anweisungen für seine Konstruktion. Sein Handeln ist davon beseelt, die Anhänger des „nationalen“ Renault 4CV nicht zu beunruhigen. Aber im Verborgenen arbeitet Boulanger angeblich am richtigen 2CV – „elegant und edel.“

Die Citroën-Werke haben indes natürlich die Absicht, das während des letzten Salon d`Automobile der Öffentlichkeit vorgestellte Auto auch herauszubringen. Im kommenden Juli wird er vom Fließband laufen. Schon seit einigen Wochen nämlich sind die Produktionswerkzeuge im Aufbau begriffen. Finanzielle Gründe haben M. Boulanger dazu gezwungen! Die Karosserie des 2CV so wie sie vorgesehen ist, beansprucht natürlich keine größeren Werkzeuge. Kostspielige Pressen zum Herstellen von abgerundeten Karosserieteilen sind angesichts der geplanten Optik kaum notwendig.

Blick in den Motorraum eines TPV von 1939 / Copyright: Garage2cv 2001

Aber der 2CV wie wir ihn vom Salon kennen wird eine große Schwester an die Seite gestellt bekommen. Etwas kräftiger als das Original. Einen 3CV. Dieser wird einen 475ccm „Flat-twin“-Motor bekommen, der immerhin um die 17 PS entwickelt. Er wird anstelle der Kurbel des Ausstellungsfahrzeuges einen echten Anlasser haben. Ebenso eine Batterie, die man im ausgestellten 2CV vermisste. Die Sitze werden komfortabel auf Kautschuk montiert sein. Als Höchstgeschwindigkeit wird der Wagen 75km/h erreichen. Bisher getestet ist eine mittlere Geschwindigkeit von 60km/h bei schwieriger Fahrtstrecke, mit 4 Personen an Bord. Der Preis – wir hörten es jedenfalls – ist auf 180.000 bis 200.000 Francs festgelegt.

Der richtige 2CV – ausgestellt auf dem Salon – (250 bis 350 Kubik Hubraum, Flat-Twin, luftgekühlt) wird ohne Batterie und Anlasser verkauft werden (gestartet wird per Kurbel), und seine Sitze werden aus ordinärem Tuch bestehen. Demgegenüber steht der irgendwo ab 120.000 Francs festgelegte Preis. Allerdings sind all unsere Mutmaßungen aus dem Jahre 1936! Zu jener Zeit hatte eine Mannschaft um den Chefingenieur Levebvre in der Citroën-Versuchabteilung, ansässig in der 48rue du Théatre, sechs mit kleinen Motoren versehene Versuchsfahrzeuge konstruiert. Maschinen zwischen 250 und 500 Kubik Hubraum wurden getestet. All die damals äußerst primitiv in die Fahrzeuge eingebauten Motoren waren übrigens BMW-Maschinen. Citroën hatte natürlich Schwierigkeiten, sie direkt bei BMW zu beziehen. Ein Zwischenhändler musste damals eingeschaltet werden. Da finden wir ein weiteres Mal das Geheimnis jeder neuen Citroën-Neuheit: Die Motoren der neuen 2- und 3CV-Modelle haben die gleichen Eigenschaften wie BMW-Motoren!

Schöpfer der Karosse des neuesten Citroën ist der Zeichner Bertoni, der Eier legen kann! So sagt man jedenfalls bei Citroën: Jede Nacht bringt er eine Karosserie zu Papier und am darauffolgenden Morgen modelliert er auch gleich das passende Modell dazu. Seine erste Karosserie erwies sich indes als zu leicht. Den Tests in La Ferté-Vidame – „Citroën´s Geheimfabrik“ – hielt sie nicht stand und musste mehrmals verstärkt werden.

Citroën hat für ihn noch zwei weitere Geheimnisse parat. Die Planung eines neuen 11CV und den Bau einer großen Filliale in Brasilien. Der im Planungsstadium befindliche 11CV – von Citroën als V.G.D. (Voiture à grande diffusion) bezeichnet bleibt ein Traction Avant. Aber er wird ein 4-Gang-Getriebe erhalten und seine Karosserie wird extrem aerodynamisch. Tests finden in der Abgeschiedenheit des Testgeländes schon heute statt. Dabei soll der neue 11CV eine Höchstgeschwindigkeit von 160km/h erreicht haben. Die Filiale in Brasilien existiert auf dem Papier schon seit zwei Jahren: Fertig ist sie allerdings noch immer nicht. Von Zeit zu Zeit strapazieren die dort eingesetzten Techniker die Geduld des Mutterhauses stark. Sie werden jeweils drei bis vier Monate dort unten eingesetzt.

„Ich fahre in den Urlaub“ nennen die Techniker ihre Einsätze dort. In den Urlaub fahren: Das ist Leitmotiv des Hauses Citroën.

Willy Schiller in France Soir vom 28. November 1948 / Übersetzung von Jan Eggermann für garage2cv 2001

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