Borgwards letzter Wurf: Lloyd Arabella

 
banner der lloyd arabellaIm Sommer 1959 wird auf der Frankfurter Internationalen Automobilausstellung mit der Lloyd Arabella ein letzter neuer Typ der Borgward-Gruppe präsentiert. Lassen wir Journalist Jochen Seiffert zu Wort kommen, der kurz vor dem Untergang des Unternehmens folgenden Text zum neuen Typ verfasst hatte:
 
„Die Arabella hat in ihrem kurzen Leben schon viel mitgemacht. Sie wurde teurer und wieder billiger, ließ etliche Änderungen über sich ergehen und verlor schlielich ihren Familiennamen. Dies – die Umtaufe auf den Namen Borgward – haben kluge Leute den Arabella-Vätern von Anfang an empfohlen. Aber man wollte sich zunächst von dem Namen Lloyd nicht trennen. Denn mit diesem Namen war der bisher größte Personenwagenerfolg der Borgward-Gruppe verbunden, und gerade diesen Erfolg sollte ja die Arabella fortsetzen. Konstruktiv gesehen hatte sie dazu mehr das Zeug als ihre Vorgänger, der ebensoviel gekaufte wie gelästerte kleine Lloyd. Dieser kam als … Fahrmaschinchen auf die Welt, die Arabella dagegen als technisch ebenso wie äußerlich elegantes Automobil. Nur kam die Arabella zu einer anderen Zeit – nicht konkurrenzlos wie einst der kleine Lloyd, sondern mitten in eine Klasse hinein, in der sich gerade der Wettbewerb aufzuheizen begann.
 

 
Unter diesen Umständen … lohnt es sich, das Konzept noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Und da zeigt sich, daß man in Bremen bei der Schaffung dieses Autos von einer klaren Vorstellung ausgegangen ist: man wollte einen kleinen Wagen mit allen Charktereigenschaften eines Mittelklassewagens bauen. … In Erkenntnis dieser Tatsache wurde die Arabella ein verkleinertes Luxusauto. Ein wesentliches Mehr an Ausstattung haben auch doppelt oder dreifach teurere Wagen nicht zu bieten. …
Die Arabella ist also in keiner Weise wirklichkeitsfern konzipiert, sondern ganz im Gegenteil den Bedürfnissen des täglichen Gebrauchs mehr auf den Leib geschneidert als manch anderer Wagen dieser Klasse. Dazu gehört auch, daß sie ein hübsches Auto ist, denn das Fahrzeug vor der Tür ist längst ebenso zum Möbel geworden wie der Fernsehapparat und sogar die automatische Waschmaschine. Die Arabella hatte darum von Anfang an gute Verkaufschancen, wenn man auch angesichts der starken Konkurrenz keine marktbeherrschende Position von ihr erwarten konnte. Aber ihr erstes Jahr verlief – trotz keineswegs geringen Verkaufszahlen – nicht so angenehm für alle Beteiligten, wie man es ihr gewünscht hätte. Ihr Debut geriet nämlich nicht unähnlich dem ihrer älteren Schwester Isabella, die ein gutes Jahr brauchte, bis all die verschiedenen und zumeist Kleinigkeiten betreffenden Kinderkrankheiten überstanden waren. Wie die Isabella wurde auch die Arabella bei ihrem Erscheinen mit Beifall begrüßt. Aber dann gab es nicht wenige Schwierigkeiten, über die viele Geschichten erzählt wurden.

 
Man muß diese Geschichten auf ihren Wahrheitsgehalt zurückführen. Auch der biederste und ehrlichste Autoverkäufer hat irgendwo in einer Rocktasche ein paar kleine Hiebe auf die Konkurrenz bereit. Dergleichen ist Brauch; Opel-Verkäufer wissen viel über Ford und Ford-Verkäufer wissen viel über Opel, beiden wissen, daß auch bei Mercedes -, und alle wissen etwas über Borgward. Man ist sogar in bezug auf Bremer Automobile oft noch um eine Nuance kühner, und die Borgward- Leute haben wohl nicht ganz unrecht, wenn sie vermuten, daß Sprüche wie „Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd“ nicht ohne Zutun interessierter Kreise entstanden sind. Tatsache ist, in der Geschichte jeder Firma jene Fälle vorgekommen sind, wo sich bei in Serie gegangenen Fahrzeugen Teile als unzulänglich herausstellten und ausgetauscht werden mußten. Mit Sicherheit vermeidbar ist dergleichen nie. Um es aber so weitgehend zu vermeiden wie möglich, haben alle Automobilmarken umfangreiche Versuchsabteilungen. Gründliche Versuchsarbeit kostet viel Geld, hier scheint man in Bremen am falschen Ort zu sparen. …
 

Ab 1960 firmiert die Arabella als Borgward, auf dem Typenschild steht aber weiterhin Lloyd Motorenwerke Bremen. Foto: Archiv garage2cv.de

Ab 1960 firmiert die Arabella als Borgward, auf dem Typenschild steht aber weiterhin „Lloyd Motorenwerke Bremen“. Dort wird 1963 auch die der letzte Lloyd 900 – so heißt Arabella firmenintern – hergestellt. Foto: Archiv garage2cv.de

Im übrigen ist die Arabella heute im ganzen einwandfrei, nachdem man sich ehrlich bemüht hat, jeder Beanstandung bis an die Wurzel nachzugehen und die Ursache zu beseitigen. Das hat heiße Köpfe und auch personelle Wechsel gekostet. Dabei ist interessant zu wissen, daß die Firma Lloyd innerhalb der Borgward-Gruppe auch noch nach der jetzt vorgenommenen Konzentration eine ziemlich selbständige Stellung einnimmt. Man hat dort eine verhältnismäßig „junge Mannschaft“, man ist ehrgeizig und arbeitet systematisch. Die kürzlich erschienene „Spiegel“-Story über Borgward erweckte trotz zahlreichen treffenden Informationen ein bißchen zu sehr den Eindruck, daß bei den Bremer Automobilfabriken der Verlauf eines Arbeitstages davon abhängt, wie dem siebzigjährigen Chef Carl F.W. Borgward die Morgenzigarre geschmeckt hat. Zweifellos haben viele der eigenwilligen Entscheidungen dieses Mannes mehr Geld gekostet als eingebracht, aber er hat es nicht mit einer Werkstatt zu tun, sondern einem Konzern von zwanzigtausend. Unter diesen zwanzigtausend sind viele hervorragende Könner, die ihre Sache in der Hand und im Griff haben. Wenn aus dieser Firma eine anonyme, bürokratisch verwaltete Gesellschaft wird – was in nicht allzu ferner Zukunft der Fall sein kann -, werden vielleicht manche Pannen nicht mehr vorkommen.
Man wird aber auch daran denken müssen, daß Carl F.W. Borgward mit einigen Federstrichen Dinge zuwege gebracht hat, an denen anderswo ganze Abteilungen arbeiten, ohne daß ein gleichwertiges Ergebnis dabei heraus kommt.Wir wollen nicht allzu ausführlich wiederholen, was wir vor einem Jahr im Testbericht über die Arabella gesagt haben. Eine Erfahrung können wir jedoch hinzufügen: wir fuhren diesmal unter Winterbedingungen mit viel Kälte, Eis, Schnee und Nässe. Unter solchen Umständen zeigt sich mehr als an freundlichen Sommertagen, was ein Auto wert ist, und die Arabella legte ihre besten Seiten an den Tag. Sie fährt sich auf rutschigen Straßen leicht und sicher, arbeitet sich sauber und spurtreu durch Schnee und Schneematsch und bleibt jederzeit gefügig und mühelos beherrschbar. Natürlich tut der Frontantrieb das Seinige dazu: die bei heckgetriebenen Wagen nie ganz vermeidbare Schlingerei beim Gasgeben gibt es nicht, auch das Kurvenfahren geht angenehm vonstatten, wenn man sich auf den Frontantrieb einstellt, die Kurven nicht allzuschnell angeht und mit gleichmäßig dosiertem Gas durchfährt. Die gute Belastung der Vorderräder bürgt auch an Steigungen für ausreichende Bodenhaftung. … Das vor einem Jahr erteilte Lob der ausgezeichneten Straßenlage können wir nochmals unterstreichen: neutrales Fahrverhalten mit nur geringer Differenz zwischen geschobenen und ziehenden Antriebsrädern, Unempfindlichkeit gegen Verreißen der Lenkung bei Seitenwind. … Die Federung schien uns gegenüber dem vor einem Jahr gefahrenen Exemplar etwas weicher geworden zu sein, aber Verfeinerungen an Federung und Stoßdämpfung in Richtung auf besseren Federungskomfort würden der Arabella sicherlich gut tun. Das gesamte Fahrgefühl ist ohnehin sportlich-härter, als es der bürgerlich- adrett aussehende Wagen erwarten lässt. Die Bremsen sind bei den höheren Fahrleistungen der Arabella der 45 PS- Ausführung als ausreichend zu bezeichnen, überdurchschnittlich sind sie nicht.
 
1990 aelten aber noch möglich: Zufällige Bewegung Alltags-Arabella trifft Sonntags-Arabelle in Remscheid. Bild: Archiv garage2cv.de

Auch 1990 ein seltenes Bild, aber mit Glück noch möglich: Zufällige Begegnung einer Alltags-Arabella mit einem Exemplar im Sonntagskleid in Remscheid. Bild: Archiv garage2cv.de

Wir sagten es schon: de Luxe ist nicht ganz der richtige Ausdruck für die schnellere Ausführung der Arabella, denn bei aller Wertschätzung der seitlichen Zierleisten und des Borgward-Rhombus im Kühlergrill sind doch die 7 PS mehr ein handfester Leistungs- als ein Luxuszuwachs. Aber man wollte wohl den Anschein vermeiden, daß es sich um eine Sportausführung handle, wie es durch die Bezeichnung „TS“ nahegelegt worden wäre. … Wir kamen mit dem nicht noch nicht ganz eingefahrenen Wagen auf eine Höchstgeschwindigkeit von 131,5 km/h; die vom Werk angegebenen 133 km/h dürften also nach dem Einfahren wohl zu erreichen sein. Das ist ebenso ein Wort wie die guten Beschleunigungsleistungen, die die Arabella de Luxe zu einem vollwertigen Instrument im Straßenverkehr machen. Sie ist ohne Zweifel handlicher als ein Mittelklassewagen, dabei aber ebenso schnell und kaum weniger geräumig – also durchaus ein Fahrzeug, das man in die Wahl ziehen sollte, wenn man zwischen 5000 und 6000 Mark für ein Auto ausgeben kann und dabei auf niedrige Unterhaltskosten Wert legt, für die bei der Arabella nicht nur niedrige Festkosten, sondern auch durch anerkennenswert günstige Ersatz- und Austauschteilpreise gesorgt ist.
Wenn sich die Väter der Arabella weiterhin um Fertigungsqualität, einwandfreien Kundendienst und technische Vervollkommnung bemühen, steht dem Ruf eines von der Konzeption her ausgezeichneten Fahrzeuges für die Zukunft nichts mehr im Wege.
Erstmals erschienen am 28. Januar 1961 in Auto Motor und Sport“
 
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Jochen Seiffert sprach mit seinem Urteil über die Borgward-Gruppe und Arabella manche Wahrheit an, in einem Punkt irrte er sich aber: Eine echte Zukunft hatte die Arabella nicht mehr. Schon im Juli 1961 verließ das letzte Exemplar regulärer Produktion das Band bei der Lloyd-Werke in Bremen-Neustadt. Bis dahin waren lediglich ca. 45.000 Fahrzeuge dieses Typs gefertigt worden. Ab Juni 1962 konnten die Lloyd Motoren Werke nochmals 1.491 Wagen aus vorhandenen Teilen montieren.
 
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Später haben verschiedene Autoren letztlich der Arabella die Schuld am Niedergang der Borgward-Werke gegeben. Diese Kritik ist wohl falsch und in der Sache verfehlt. Die Ursachen für den Konkurs lagen vielschichtiger. Wäre die Arabella nicht auf den Markt gebracht worden, hätte man sicherlich Entwicklungs- und damit auch Garantiekosten gespart. Allerdings erforderte ja gerade die Marktsituation gegen Ende der fünfziger Jahre einen Nachfolger für die Lloyd-Palette und auch für die Hansa-Typen der Goliath Werke. Die Arabella war ein würdiger und geeigneter Nachfolger. Dass sie die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnte, war weniger konstruktiver, denn kaufmännischer Fehler. Hierin kann man die Verantwortung der damaligen Werksführung sehen. Konzepte sind letzten Endes nur so gut wie ihre Schöpfer. Dies darf man nicht vergessen! Arabella bleibt in Erinnerung. Nicht als wegweisendes, sondern vielmehr als gutes Auto. Das letzte der Borgward-Gruppe.
 
Von Jan Eggermann, 2000.
 
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