Das Citroën-Jahrhunderttreffen


 
Wenn Citroën Geburtstag feiert: 60.000 Menschen aus aller Welt zelebrierten vom 19. bis 21. Juli 2019 einhundert Jahre Citroën und machten ein kleines Städtchen 120 Kilometer westlich von Paris für drei Tage zu einer wahren Citropolis. Garage 2CV blickt zurück und zeigt einhundert Impressionen vom Jahrhundertereignis.
 
Von Jan Eggermann, Bilder: Garage 2CV / Citroën
 
Juli 2019: Das verschlafene 700-Einwohner-Örtchen La Ferté-Vidame verdankt seine Existenz den Grafen von Saint-Simon, die seit 985 hier residierten. Die Monarchie liegt weit zurück, doch dem Ort merkt man seine Ausrichtung auf die Herrschaften noch an: Die in einem städtischen Karée stehende Kirche ist wohl kaum mehr als ein städtbauliches Beiwerk des Schlosses, das Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aus finanziellen Gründen ausgeschlachtet wurde. Jetzt steht nur noch die Ruine inmitten eines riesigen Parks. Auch die Hauptstraße von La Ferté-Vidame führt geradewegs auf das herrschaftliche Anwesen zu. Rechts vom elegant geschmiedeten und in sattem Blau gehaltenen Eingangstor wird gerade ein überdimensioniertes Bild von André Citroën aufgestellt. In den kommenden Tagen wird es den Weg zur offiziellen Citroën-Geburtstagparty weisen.
 

 
Offiziell hat man noch keinen Zutritt zum Gelände. Dafür ist aber in der kleinen Hauptstraße des Ortes schon viel los: Alle Geschäfte des Ortes haben geöffnet, die kleine Bäckerei genauso, wie die Metzgerei und natürlich auch die obligatorische „Bar Tabac“. Dort sitzt schon die Delegation des 2CV-Welttreffens 2021 in der Schweiz und hat den besten Blick auf die pausenlos anreisenden Citroën-Fahrzeuge. Schräg gegenüber steht vor dem Rathaus ein H-Feuerwehrwagen, später ist noch die uralte Citroën-Pumpe der örtlichen Feuerwehr zu bewundern. Ein Ladenlokal ist zu einer Citroën- und Bertoni-Ausstellung umfunktioniert, während im Schaufenster nebenan an einen im August 1944 auf dem Citroën-Testgelände abgestürzten amerikanischen Flieger erinnert wird. Die ersten Stände mit regionalen Spezialitäten haben schon geöffnet und mancher Vorgarten ist mit Bildern von André Citroën oder anderen Devotionalien geschmückt, ein echtes Volksfest!
 

 
Obwohl André Citroën wohl niemals persönlich La Ferté-Vidame war, ist der Ort doch untrennbar mit seinem Namen verbunden. Denn seit 1938 betreibt Citroën auf dem alten Jagdgrund derer von Saint-Simon die berühmte Teststrecke, auf der seitdem alle Fahrzeuge der Marke und zwischenzeitlich auch des PSA-Konzerns ihre ersten Runden gedreht haben. La Ferté-Vidame war als Standort für ein Testzentrum von Pierre-Jules Boulanger auserkoren worden. Von Paris aus konnte man morgens mit der Sonne Rücken kommen und abends ebenso wieder nach Hause fahren. Hier lief die 2CV-Erprobung, fünf 2CV-Vorserienmodelle wurden 1940 in einer Scheune eingelagert später wiederentdeckt. Auch die legendäre Hydropneumatik des Paul Magés entstand hier. Das gesamte Areal wird normalerweise von einer 12 Kilometer langen Mauer hermetisch von der Aussenwelt abgeschottet. Normalerweise. Denn an diesem Wochenende ist hier gar nichts normal, Citroën feiert einhundertsten Geburtstag.
 

 
Die Geburtstagsfeier in La Ferté-Vidame war vor mehr als drei Jahren von Citroën-Chefin Linda Jackson angekündigt worden. Am Ende folgen Zehntausende ihrer Einladung und erleben eine perfekt organisierte Veranstaltung, die zu einem praktisch unbeschreiblichen Höhepunkt der Markengeschichte wird. Viele offizielle Veranstaltungspunkte gehen auf Ideen von André Citroën zurück. Ein nachgebauter Eiffelturm zeigt (wie einst in Paris) einen beleuchteten Citroën-Schriftzug, am Samstagnachmittag schreibt ein Flugzeug „Citroën“ in den leider bewölkten Himmel und abends genießen tausende ein Galadiner, wie es einst André Citroën zur Eröffnung seines neuen Werkes am Quai de Javel gegeben hatte, darunter auch einige Mitglieder der Peugeot-Familie und natürlich viele Nachkommen des André Citroën. Der Abend endet erst kurz vor Mitternacht, als in der Schlossruine ein unbeschreibliches Feuerwerk gezündet wird. Viele Menschen haben Tränen der Rührung in den Augen …
 

 
Immer sah Citroën, der Verwandte in ganz Europa hatte, Autos auch als Instrument dafür, dass die Völker der Welt einander besser kennen und schätzen lernen sollten. Und tatsächlich hat man an diesem Wochenende das Gefühl, dass dieser Geist auch hundert Jahre nach Beginn der Automobilproduktion noch sehr lebendig ist. Das liegt nicht etwa daran, dass ein nagelneuer Nachbau der legendären Autoraupe Scarabée d’Or regelmäßig über das Gelände rattert und auch nicht an den tausenden von Citroën-Fahrzeugen die – fein säuberlich nach Typen sortiert – zwischenzeitlich in den Parkanlagen stehen. Es liegt an den Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, die hier in einer entspannten und freundschaftlichen Atmosphäre aufeinander treffen. Alle sind nahbar und ansprechbar, das gilt für Citroën-Chefin Linda Jackson und 2CV-Legende Jacques Seguéla genauso, wie für den Securitymann aus Kamerun, der auch nach Stunden noch lächelnd und in akzentfreiem Hochdeutsch Fragen zu beantworten weiß. Viel Aufmerksamkeit gilt natürlich auch den Mitgliedern der Citroën-Familie, allen voran Enkel Henri-Jacques Citroën, der seinem Großvater sehr ähnlich sieht.
 

 
Regelmäßig „On Air“ ist das auf 107,2 sendende Treffenradio, das über bevorstehende Programmpunkte informiert und aufschlussreiche Gesprächsrunden bringt, die von Xavier Crespin moderiert werden. Zu hören sind neben Henri-Jacques Citroën auch die Citroën-Designer Robert Opron und Philippe Leclerq, Marketingchef Arnaud Belloni, Jacques Séguela, Rennfahrer Bob Neyret und die Buchautoren Olivier de Serres und Bertoni-Biograf Stéphane Bonutto. Währenddessen ist ein Teil der ansonsten nicht zugänglichen Citroën-Teststrecke im eigenen Auto befahrbar. Man rollt vorbei an alten Eiskellern des Schlosses und „umrundet“ im Schatten der 12 Kilometer langen Aussenmauer die eigentliche Teststrecke. Dort sieht man viele von historischen Fotografien bekannte Motive und befährt dann die einst für 2CV und DS angelegten Testbereiche, ein für viele wohl unvergessliches Erlebnis !
 

Rennfahrerlegende Bob Neyret signiert die ihm gewidmeten Comics.


 
Nachmittags findet im Zelt des Galadiners eine recht interessante Auktion historischer Fahrzeuge statt, darunter Exemplare der Prototypen von Citroën Kubik und Pluriel sowie die Neunziger-Jahre-Studie Citroën Citela. Hauptsächlich im Angebot sind Vorkriegsklassiker, Traction Avant und 2CV aller Versionen, sowie etliche DS. Irgendwo ist auch Marléne Wolgensinger, einstige Citroën-Rennsportchefin und langjährige Frau des leider verstorbenen Jacques Wolgensinger, der einst mit seiner unnachahmlichen Art als Citroëns Pressechef über die Ente schrieb („Der 2CV ist das Maximum des automobilen Minimums“ oder „Die Ente ist kein Auto, sondern eine Weltanschaaung“). Auf der anderen Seite des Areals ist ein riesiger Markt mit 503 (!) Händlern, die ihre Waren anbieten: Ersatzteile für alle Typen, Blechschilder, Spielzeug, Bücher und Prospekte. An allen Tagen herrscht dichtes Gedränge zwischen den Ständen.
 

 
Menschen aus vielen Ländern und Kontinenten treffen in La Ferté-Vidame aufeinander: Ein Besucher aus Benin durchstöbert die von Kitt aus Neuseeland mitgebrachte Prospektsammlung, irgendwann kommt Traction-Fahrer Mick mit seiner Union-Jack-Weste vorbei. Er läßt sich auch vom bevorstehenden Brexit die Stimmung nicht verderben. Ein paar Stände weiter findet ein Argentinier bei DS-Spezialist Dirk Sassen die lange gesuchten Blinker für seine 1962er ID 19, während eine unbekannte Portugiesin von ihren beiden Töchtern begleitet auf der Suche nach einem Citroën-Jubiläumsbuch ist. Mancher Besucher trägt T-Shirts regionaler Clubs: Drei Mitglieder des Citroën-Club Hong Kong sind wie ihre Kollegen vom Citroën Club Uruguay auf der Suche nach Literatur. Alejandro Beiroavom Citroën Club Buenos Aires trifft am Stand von BUCH & MOTOR auf Ulrich Brenken vom André Citroën Club. Augenblicke später wirbt schonPedro vom Clube Citroën Classico de Portugal für eine gerade in Lissabon stattfindende Ausstellung und erzählt von einem atemberaubenden Fundstück aus der portugiesischen Entenstadt Mangualde, wo man vor kurzem einen originalen Citroënbus von 1928 aufgefunden hat, der jetzt auch in Lissabon steht. Wouter Jansen vom Magazin Citroexpert schlendert genauso lächelnd durch die Reihen wie die beiden Comiczeichner Franck Coste und Thierry Dubois. Großer Andrang auch bei Britta Becker und Oliver von Berg vom Treffpunkt Citrön.
 

 
Dass La Ferté-Vidame tatsächlich in Frankreich und nicht in einem multilingualen Staat Citropolis liegt, merkt man vielleicht am ehesten am Sonntagabend. Als das Citroën-Zelt bereits geschlossen ist, darf die zwar völlig übermüdete, aber nicht minder begeisterte Verkäuferin des Citroën-Shops eine Runde in La Petite Rosalie mitfahren. Von der Bühne schallt gerade Johnny Hallidays Que je t’aime herüber. Und irgendwo zwischen den letzten Gästen sieht man Olivier de Serres. Der bekannte Buchautor und Traction-Sammler hatte den Concours d’elegance moderiert und sitzt jetzt gedankenverloren vor der Hauptbühne als das letzte Konzert endet. Als einer von 60.000 hat er gerade das Ende eines echten Jahrhundertereignisses erlebt.
 
Herzlichen Glückwunsch Citroën, pardon: Bonne anniversaire Citroën !
 

 

 
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