Citroën Saint Ouen: Das letzte Werk an der Seine

 
Paris bietet dem Citroënisten nicht mehr viel vom Glanz vergangener Tage. Ab und zu ist eine lädierte Ente zu sehen, vielleicht ein versprengtes D-Modell. Im alltäglichen Straßenverkehr der französischen Hauptstadt ist die Marke Citroën mit ihren aktuellen Modellen eine unter vielen geworden. Vorbei die Zeiten als Traction oder DS zum Bild der Stadt gehörten wie Montmatre und Eiffelturm. Es ist nicht mehr erkennbare Unverwechselbarkeit, sondern mutmaßlicher Massengeschmack, der das Erscheinungsbild heutiger Automobile bestimmt.
 
Auf den Champs Elysées, wo sich noch heute alle bedeutenden Automarken mit Ausstellungsräumen schmücken, hat Citroën sein einst so repräsentatives Ausstellungsgebäude an eine Schnellrestaurantkette vermietet und begnügt sich damit, zwei oder drei Neuwagen lieblos auszustellen.* Vorbei auch die Zeit, als Citroën seine Autos inmitten der Stadt produzierte. In einer Presseinformation vom 3. März 1988 hieß es dazu, Autos in Großserie mitten zwischen Wohnhäusern einer Stadt zu bauen, passe einfach nicht mehr in die heutige Zeit.

Wie einst am Quai de Javel: Architektonisch wirkt das Werk in St. Ouen wie eine Kopie des einstigen Hauptsitzes der Firma Citroën … Bild: garage2cv.de

Wo am Quai de Javel einst Tractions, D-Modelle oder auch die Lieferwagen der H-Reihe vom Band liefen, erinnert heute nicht viel mehr als ein Straßenname an die automobile Vergangenheit. Auch in Levallois ist kaum noch zu erahnen, dass hier einmal hunderttausende 2CV produziert wurden …
 
Es erscheint paradox: Wo am Quai de Javel einst eine Wiege französischer Massenmotorisierung stand, ist heute eine Oase der Ruhe inmitten einer vom Verkehrslärm arg gebeutelten Stadt entstanden. An die Person des Firmengründers erinnert neben der Bezeichnung Parc André Citroën noch eine irgendwo in den Park gewürfelte kleine Metallbüste. Sie steht verloren im Schatten eines angrenzenden Bürogebäudes. ***
 
In Levallois-Perret – bis Februar 1988 Brutstätte der Ente – ist es alles noch ein wenig trauriger. Auch hier gibt es zwar eine nach Andre Citroën benannte Straße, vom Ausmaß des Werkes ist jedoch nichts mehr zu sehen. Die Gebäude wurden im Zuge einer der letzten innerstädtischen Großbauprojekte in Paris komplett abgerissen und mit modernen Wohn- und Geschäftshäusern überbaut. Allenfalls läßt sich am Ufer der Seine noch erahnen, wo einst neue Enten auf Eisenbahnen und Schiffe verladen wurden. Vorbei scheinen also die Zeiten, als Citroën zum Alltag der französischen Hauptstadt Paris gehörte, und Chansonnier Yves Montand sang: „Ich habe keine Millionen, ich bin Dreher bei Citroën.“
 
Wirklich alles vorbei, alles Geschichte, alles vergessen? Nicht ganz! 
 

… und das auch in den neuen Farben des PSA-Konzerns. Bild: garage2cv.de

Bemerkenswerterweise gibt es noch heute ein produzierendes Citroën-Werk aus den zwanziger Jahren im Raum Paris. Es handelt sich um das in der nördlichen Vorstadt Saint Ouen (Dept. 93/Seine-St Denis) gelegene Citroën-Preßwerk. Unweit der Metrostation Garibaldi scheint es, als sei die Zeit stehengeblieben. Wären da nicht die modernen PSA-Schilder und Aufschriften an den Werksgebäuden, man könnte annehmen in die dreißiger Jahre zurückversetzt worden zu sein. Große backsteinerne Fabrikhallen aus den zwanziger Jahren liegen inmitten von Wohnbebauung. Ist eines der Tore geöffnet, fallen die Blicke auf große Stahlcoils, die später zu Kotflügeln oder anderen Karosserieteile werden.
Das Verwaltungsgebäude des intern Unité de Production Saint Ouen genannten Werkes wirkt wie eine zu klein und zu unspektakulär geratene Kopie der einstigen Hauptverwaltung am Quai de Javel. In der Tat wurde das Werk nur einige Jahre nach dem Hauptsitz am Quai de Javel gebaut. Seit Errichtung des Werkes im Jahre 1924 werden in Saint Ouen Karosserieteile für die laufende Citroën-Produktion gepreßt.
 

Hier hat sich seit der Eröffnung 1924 äußerlich nicht viel verändert. Bild: garage2cv.de

So wurden beispielweise 1934 die für die Herstellung des Traction Avant von der amerikanischen Firma Budd gelieferten Werkzeuge hier aufgestellt. In den siebziger und achtziger Jahren wurden in Saint Ouen neben Citroën-internen Aufträgen sämtliche für das rumänische Oltcit-Projekt erforderlichen Karosserieteile gefertigt. 1992 betrug der Jahresausstoß an Preßteilen 63.631 Tonnen bei rund 750 Mitarbeitern. Außerdem ist hier das für interne Mitarbeiterschulungen zuständige Institut Citroën angesiedelt.**
 
Von Jan Eggermann, 1999
 
* Zwischenzeitlich war das alte Gebäude der Niederlassung auf den Champs-Elysées abgetragen und in Form des C42 wiedereröffnet worden. Im Zuge der Finanzkrise bei PSA 2014/15 für 150 Millionen Euro an Investoren verkauft, steht das C42 mit seiner grandiosen Architektur seit Ende 2017 leer.
 
** Einmal im Jahr öffnet die „Unité de Production Saint Ouen“ ihre Tore für Besucher zu einem Tag der offenen Tür mit einer Vielzahl von Kulturveranstaltungen im Innern der Werkshallen. Genauen Termin bitte im Internet recherchieren. Anfang 2019 wurde überraschend die Schließung des Traditionsstandorten bekanntgegeben. Voraussichtlich Ende 2020 soll St. Ouen endgültig geschlossen werden. Das Areal soll zum Zentralkrankenhaus für Paris umgestaltet werden.
 
*** Die Metallbüste des André Citroën befindet sich heute im Eingangsbereich des unterirdischen Parkhauses Citroën-Cevennes im südwestlichen Bereich des Parks. Es gibt dort auch ein kleines Café mit Außenterrasse, dass sich gut für eine kleine Pause anbietet.
 
Dieser Bericht erschien erstmals in der Zeitschrift des André Citroën Clubs
 
Stand: 15. Juni 2019
 

 
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