60 Jahre Citroën 2CV: Ein Mann namens Boulanger und das Dilemma der französischen Bauern

Jahrzehnte vor dem offiziellen Geburtstag des Citroën 2CV, irgendwann in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Pierre Jules Boulanger ist seit April 1919 bei Michelin in Clermont-Ferrand tätig und dort schnell zur rechten Hand des Firmenchefs Eduard Michelin aufgestiegen. Im Laufe des Jahres 1926 zieht er von Clermont aus ins einige Kilometer entfernte Lempdes, wo er ein Anwesen in der Ortsmitte erworben hat. Dort macht er mindestens einmal pro Woche eine folgenschwere Beobachtung. Blickt er in den frühen Morgenstunden aus den Fenstern seines herrschaftlichen Hauses, dann sieht er, wie die Bauern der Umgebung allwöchentlich mit Pferdefuhrwerken oder Handkarren ihre Produkte zum kleinen Wochenmarkt des Ortes karren müssen, und mit welchen Mühen dies bei Wind und Wetter verbunden ist.
 

Im Oktober 1948 ist seine Idee zum fast fertigen 2CV gereift:
Pierre Boulanger mit dem französischen Staatspräsident Vincent Auriol. Bild: Citroën / Archiv garage2cv


 
Boulanger kommt in jener Zeit auf eine Idee, die zwanzig Jahre später in Gestalt des 2CV das Licht der Welt erblicken wird: Ein Fahrzeug für genau diese Bevölkerungsgruppe, ein maßgeschneidertes Auto für Frankreichs Landbevölkerung, einfach aber robust, vor allem aber leistungsfähig und genügsam. Für die offizielle Firmenlegende soll es ausgerechnet ein Stau auf der Fahrt nach Clermont gewesen sein, der Boulanger das Mobilitätsproblem der Landbevölkerung vor Augen geführt hat. Doch das Dilemma der französischen Bauernschaft spielte sich in Wirklichkeit mit wöchentlicher Regelmäßigkeit direkt vor seiner Haustür ab.
 
Sehr schnell befasst sich Michelin auf Initiative Boulangers konzeptionell mit einem solchen Fahrzeug. Erste Aufzeichnungen datieren aus der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre. Da man aber Reifen und keine Automobile herstellt, bleiben die Pläne zunächst bei den Akten. Auch als Michelin ab 1934 entscheidenden Einfluß über die Pariser André-Citroën-Werke bekommt, verfolgt man das Projekt nicht weiter. Erst als im März 1936 der in Italien entwickelte SIMCA 5 als erster französischer Kleinwagen „unter 10.000 Francs“ ein sofortiger Markterfolg wird, ist es für Michelin alias Citroën auch ökonomisch lohnenswert geworden, Boulangers Idee wieder aufzugreifen. Erst jetzt beginnt die offizielle Arbeit am späteren 2CV.
 
Von Jan Eggermann
 

 
Dieser Text gehört zur Serie “60 Jahre 2CV” aus dem Magazin Der Entenschnabel und ist in Auszügen dem 2005 erschienenen Buch Citroën 2CV – Die Ente in Deutschland entnommen. Erhältlich ist das Buch unter der ISBN 978-3980908221 oder bei BUCH & MOTOR, der Buchhandlung von Garage 2CV.
 
01.07.2008
 
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