Eine Wasserflasche in Victoria


 
Am Ende eine Fahrt durch das imposante Flußdelta des Rio Paraná bei Rosario steht die unerwartete Beschau eines IES Super America – eine seltene 2CV-Abart von 1987. Eine Reisereportage aus Argentinien.
 
Text: Jan Eggermann, Bilder: Archiv Garage 2CV
 
Von der Hafencity in Rosario geht der Blick auf den Rio Paraná und die eindrucksvolle Brücke nach Victoria. Bild: Jan EggermannBlick von der Paraná-Brücke auf Rosario, drittgrößte Stadt der argentinischen Republik. Bild: Jan Eggermann
 
Die argentinische Millionenstadt Rosario verdankt ihrer Lage am knapp 4.000 Kilometer langen Rio Paraná ihre Bedeutung. Einst schlug hier die argentinische Pampa ihr Getreide in alle Welt um. Und weil Manuel Belgrano 1812 in der noch ganz verschlafenen Garnison zum ersten Mal die himmelblau-weiße Nationalflagge der argentinischen Republik aufzog, gilt Rosario als Getreidehauptstadt und Cuna de la Bandera, also als Wiege der argentinischen Fahne. Um die letzte Jahrhundertwende kamen tausende Europäer – meist aus Italien – und aus der lockeren Ansammlung von Hütten wuchs recht schnell ein ansehnliches Meer von Hochhäusern heran. Rosario ist heute die drittgrößte Stadt des Landes. Der innerstädtische Getreidehafen ist längst stillgelegt und in der alten Speicherstadt finden sich heute Geschäfte, Hotels und Luxusappartements. An Wochenenden werden ufernahe Straßenzüge für Jogger und Radfahrer gesperrt, was den Freizeitwert erheblich steigert. Auf Plätzen der flußnahen Viertel trifft man sich dann auf ein Glas Rotwein zur Empanada, trinkt ein lokal gebrautes Warsteiner oder genießt einen Chorro, das oft auf den Straßen angebotene Süßgebäck. Und so zieht es auch an diesem trüben Juni-Tag des südlichen Winters viele Rosarinos mit ihren typischen Mate-Gefäßen in der Hand an den Paraná. Dort geht der Blick auf das in fünfhundert Metern entfernte gegenüber liegende Ufer. Es gehört bereits zur Provinz Entre-Rios. Mit ein paar Knoten wird gerade ein Leichter flußaufwärts geschoben, an Bord ein dutzend weiße und rote Hamburg-Süd-Container. Nimmt er Kurs auf Santa Fe oder gar Posadas in Paraguay ? In den Bugwellen schaukeln Jollen des Segelclubs, der Paraná gilt nicht nur als von kleineren Hochseeschiffen befahrbares Gewässer, sondern auch als ideales Rivier für Segler oder Kanuten. Da hinten, wo die Container gleich in nördlicher Richtung verschwinden, sind vage zwei weiße Pylonen einer Brücke zu erahnen, die Rosario mit dem Ort Victoria am anderen Ufer verbindet. Später erfahre ich, dass das eindrucksvolle Bauwerk Puente Nuestra Señora del Rosario von Stuttgarter Ingenieuren konstruiert und 2003 nach fünfjähriger Bauzeit eingeweiht wurde. Und weil ich abends am Gartenzaun davon erzähle, sitze ich am nächsten Morgen als Beifahrer im Auto meines Nachbarn Ricardo auf dem Weg nach Victoria am anderen Ufer des Paraná !
 

 
Nach wenigen hundert Metern auf der Stadtautobahn Circunvalación 25 de Mayo befinden wir uns auf der Rampe zur Rosario-Victoria-Brücke. In der Mitte der Brücke überqueren wir die Grenze zwischen den Provinzen Santa Fe und Entre Rios und ich werde einer Illusion beraubt. Was gestern von Rosario aus noch wie der Blick von St. Pauli ans andere Elbeufer erschien, zeigt sich mit zunehmender Brückenhöhe als imposante Laune der Natur. Das gegenüber liegende Ufer ist in Wirklichkeit nur eins von unzähligen kleinen Eilanden. Wir befinden uns in einem hunderte von Kilometern langen und bis zu 60 Kilometer breiten Flußdelta, in dem sich der Paraná in Richtung Rio de la Plata und Atlantik mäandert. Am Peaje sind einige Pesos Maut fällig und schon geht es auf einer gut ausgebauten Straße weiter in die unendlich erscheinende Wasserlandschaft. Auf kleinen Brücken und kilometerlangen Dämmen durchschneiden wir bis zum Horizont ziehende Lagunen. In der Ferne kleinste Inselchen, manchmal nur ein einzelner Baum auf einem Hauch von Land. Ob sie je ein Mensch betreten hat ? Flimmert in der Ferne Wasser oder ist es ein Schwarm von Flamingos ? Nach einer Dreiviertelstunde und siebzig Kilometern in dieser unwirtlichen Gegend tauchen schemenhaft die ersten Anhöhen des immergrünen Weidelandes von Entre-Rios auf, das argentinische Mesopotamien !
 

 
Bevor wir ins Städtchen Victoria dürfen, will noch kurz ein Polizist ins Auto schauen. Ähnliche Kontrollen gibt es an vielen Provinzgrenzen Argentiniens, warum sollte es hier anders sein ? Weil Ricardo oft seine Wochenenden hier verbringt, kennt er den Wachmann. Und so winkt der uns ohne große Umschweife, aber mit großzügiger Handbewegung durch. Muchas gracias amigo ! Auf der zentralen Plaza des beschaulichen Victoria steht ein riesiges Reiterstandbild des argentinischen Nationalhelden San Martin. Eindrucksvoller ist nur die 1899 geweihte Kirche mit ihren farbenfrohen Innenmalereien direkt gegenüber. Gleich daneben im Schatten der Kirchtürme die Intendencia, das um einige Nummern kleinere Rathaus des Ortes. Den Café con Leche trinkt man am besten im Cafe Martinez, eine Dependance der in vielen spanischsprachigen Ländern bekannten Kaffeehauskette aus Buenos Aires, die sich wegen der touristischen Bedeutung direkt gegenüber niedergelassen hat.
Später am Tag sehen wir von der Anhöhe des Cerro de la Matanza auf das unendlich erscheinende Delta des Paraná. Heute sind wir zwar die einzigen Besucher, doch für viele in Argentinien hat der Ort spirituelle Bedeutung, denn aus Buenos Aires angelandete spanische Kolonialsoldaten massakrierten hier die letzten Eingeborenen des Chaná-Volkes. Das war 1750. Landesweit geben 2018 noch 1% aller Argentinos an, einer nativen Nation anzugehören.
 

 
Als Victoria noch La Matanza hieß, siedelte sich hier ein bescheidenes Oratorium an, aus dem später das heute noch existente Benediktiner-Kloster hervor ging. Das Kloster ist für seinen angeschlossenen Laden und die dort angebotenen Produkte bekannt. Denn während man in Argentinien oft nur industriell hergestellte Lebensmittel kaufen kann, gibt es hier hausgemachten Käse, Honig, Bier und natürlich auch die ein oder andere Süßigkeit, so etwa das vorzügliche Dulce de leche. Auf dem Weg zurück in die Stadt sehe ich irgendwo am Rand der Straße eine rote Ente mit tiefschwarz getönten Scheiben, genauer gesagt ein IES Super America aus den Achtzigern, praktisch das argentinische Nachfolgemodell des 2CV. Es geht so schnell, dass ich noch nicht einmal ein schnelles Foto machen kann. Und dass auf dem Dach auch noch eine Wasserflasche steht, entgeht meinem flüchtigen Blick völlig …
 
 Peugeot 504 aus argentinischer Produktion am Rande einer Straße in Victoria in der Provinz Entre-Rios. Bild: Jan Eggermann
 
Zum Mittagessen geht es in einen Comedor am Rande einer staubigen Straße. Comedore sind bescheidene Speisewirtschaften. Dieser hier ist für seine gut zubereiteten Süßwasserfische bekannt, die man stets frisch aus dem Paraná holt. Ich muss an die Geschichte mit dem Pirana denken, der unlängst in Rosario einen Badegast angefallen hatte. Weiter zur Uferpromenade, vorbei am Spielcasino der Stadt. Hauptsächlich Besucher aus den Großstädten verspielen hier ihr Geld, die Landbevölkerung von Entre-Rios hat anderes als Glückspiel im Sinn und es fehlen ihr auch die Mittel. Viele Einwohner von Entre-Rios sind Nachfahren der vor rund 130 Jahren aus Brasilien eingewanderten Russlanddeutschen. Auf der Florida von Victoria promeniert heute niemand, alles macht einen verschlafenen Eindruck. Einzig der ab und zu vorbeifahrende Ford Falcon sorgt mit seinem blubberndem V6 für Leben. Wir setzen uns ein wenig unter eine der vielen nordamerikanischen Platanen, die man einst nicht nur hier in Victoria, sondern im ganzen Land hatte pflanzen lassen. Beim obligatorischen Mate komme ich auf den roten Citroën zu sprechen. Ricardo erklärt, dass Wasserflaschen bedeuten, dass der Wagen darunter zu verkaufen ist. Und so stehen wir Minuten später auch schon zwecks genauerer Begutachtung neben dem IES und klatschen in die Hände, was hierzulande oft die Türklingel ersetzt. Eine Frau im mittleren Alter erscheint im vergitterten Eingang des kleinen Backsteinhauses. Si, claro, der Citro ist zu verkaufen. Und natürlich bekommen wir die Schlüssel und dürfen den Citro alias IES ausgiebig begutachten.
 

 
IES ? Unter diesem Label liefen ab 1982 die in Argentinien hergestellten 3CV und Méhari, denn Citroën hatte sich Anfang der Achtziger zugunsten des größten Zulieferers von seinem argentinischen Werk getrennt. Der neue Eigentümer ließ die Fertigung von Buenos Aires in die Provinz verlegen, produzierte schon bald in respektablen Stückzahlen und hatte große Pläne für den südamerikanischen 2CV. Leider machte ihm de Wirtschaftskrise 1990 einen Strich durch die Rechnung … Dieses gut erhaltene rote Exemplar ist sozusagen die letzte Evolutionsstufe der internationalen Entengeschichte. Ein 1987 produzierter IES Super America im nachlackierten Originalrot. Ein erster Blick geht auf den Kofferraum mit seinen eigentlich rostempfindlichen Seitenwänden, die bei diesem Exemplar gesund sind. Wie alle argentinischen Enten verfügt der Super America über eine konzeptionell der Dyane entnommene, große Kofferraumklappe. Von hier aus sieht den gepflegten Innenraum mit seinen praktischen und in Argentinien serienmäßigen hinteren Ausstellfenstern. Völlig anders mutet vorne das unförmige Plastik-Cockpit und die vergrößerte Frontscheibe an. Warum hat man eigentlich ausgerechnet in Argentinien auf die Lüfterklappe verzichtet, die doch im hiesigen Hochsommer so unverzichtbar ist ?
 

 
Eine andere technische Unverständlichkeit fällt beim Blick auf den gut erhaltenen Unterboden der argentinischen Ente auf: IES hat bei diesem Modell den bekannten Plattformrahmen gegen einen rustikal wirkenden Rohrahmen ersetzt. An dessen hinterem Ende sitzt eine schnöde Blattfeder, die die unvergleichbaren Federtöpfe ersetzen soll. Da wir heute keine Zeit für eine Probefahrt haben, bleiben erhebliche Zweifel, ob das „neuartige“ Federungssystem den argentinischen Nebenstraßen tatsächlich gewachsen ist. Interessant auch die in Europa keinesfalls zulassungsfähige Anhängerkupplung. Kabelstecker nach vorne ? Fehlanzeige. Wie viel Ente steckt eigentlich in einem IES ? Fragt man argentinische Citroneros fällt die Antwort immer gleich aus. Für sie ist der noch auf dem klassichen 2CV-Rahmen aufbauende IES America zu 10% IES und zu 90% Citroën, beim Super America genau umgekeht. Doch egal wie man es wendet: Der von 1987 bis 1990 gebaute IES Super America ist die ultimative Evolutionsstufe des letzten Entenjahrzehnts, in Europa ist nur ein Exemplar bekannt.
 

 
Weitere serienmäßige Modifikationen finden sich unter der Motorhaube: Da man bei IES America und Super America auf die klassischen 2CV-Lampen verzichtet hat und die Motorhaube etwas flacher abfällt, findet sich die Zündspule inmitten des Motorraums. An der Vorderachse sind die eigentlich immer am Getriebe liegenden Scheibenbremsen nach aussen an die Vorderräder gewandert und es gibt ein Relais für die Halogenscheinwerfer. Ansonsten entsprechen Motor, Vergaser und Getriebe den serienmäßigen Einbauten in vergelichbaren 2CV. Alles in allem ist der rote IES trotz einige Fehler in der mäßigen Lackierung und verblichenen hinterer Beleuchtung in einem guten und gepflegten Zustand. Besonders wichtig: Alle Papiere vorhanden und die Verkäufer als Eigentümer eingetragen. Das wäre genau das richtige Auto für das nächste Oldtimer-Treffen in Europa … Aber in Victoria wird es langsam dunkel und wir müssen zurück. Und weil ich nur noch kurze Zeit im Land bin, leider ohne den mesopotamischen IES Super America. Aber wer weiß, vielleicht beim nächsten Mal am Rio Paraná !
 

 
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