Im Citroën 2CV nach Kapstadt

Jean Vinatiers fahrt nach Kapstadt im Citroen 2CV - Jetzt bei garage 2cv

Jeder kennt die Situation: Ein Unbekannter ruft an. Doch stellen Sie sich vor, dass die Stimme am anderen Ende der Leitung kein Zeitungsabo verkaufen und auch keine Marktforschung betreiben will, sondern stattdessen mit Ihnen auf eine dreimonatige Tour durch Afrika gehen will. Unglaublich, aber trotzdem wahr, denn diese Geschichte passiert Jean Vinatier an einem Septembernachmittag des Jahres 1953, als er in der elterlichen Renault Werkstatt gerade damit beschäftigt ist, einer 4CV-Maschine mehr Leistung einzuhauchen. Von seiner Mutter wird er ins Werkstattbüro gerufen, denn am Telefon sei ein vom Citroënwerk Beauftragter!
Und am anderen Ende der Leitung stellt sich tatsächlich ein gewisser Guy Le Grand Viau de Comette de Meynes vor, der Vinatiers Nummer von Citroën bekommen hat. Vinatier ahnt nicht, was ihm mit aristrokratisch-distanzierter Stimme in den nächsten Minuten vorgeschlagen wird: Eine dreimonatige Reise mit drei 2CV-Kastenwagen bis an die Südspitze Afrikas und zurück! Viau sucht einen Mechaniker und obwohl Vinatier keine besondere Beziehung zu Citroën hat, soll ausgerechnet er die Technik der Kastenenten im Auge behalten. Dass Citroën ausgerechnet ihn empfohlen hat, liegt wohl daran, dass Vinatier vor einigen Wochen den Barbot-2CV-Weltrekordwagen über die Pisten von Monthléry jagte, was das Werk auf den jungen Mechaniker aufmerksam werden ließ. Jean ist vom Projekt sofort begeistert, erbittet aber Bedenkzeit. „Bedenkzeit? Ausgeschlossen! Ich bin in einer Stunde bei Ihnen.“ Und tatsächlich sitzen Jean, seine Eltern und der Guy Viau noch am selben Abend im Büro und lassen sich das Reiseprojekt schildern. Viau überzeugt Jeans Eltern, die im Frankreich des Jahres 1953 noch ihre Zustimmung geben müssen, denn damals ist man erst mit 21 Jahren volljährig. Mit elterlicher Erlaubnis wird es also auf Afrikareise gehen!

 

Unterspühlte Straßen in Äthiopien sind eine echte Herausforderung, doch die Kastenenten kommen durch!

Die Zuverlässigkeit von Automobilen wird zu jener Zeit ausgesprochen gerne durch spektakuläre Fahrten unter Beweis gestellt, denn viele Firmen haben den Werbewert solcher Leistungstests erkannt. Meist wirken diese Fahrten durch Afrika, Südamerika oder auch um die ganze Welt, wie privat organsiert, doch tatsächlich stehen meist die Herstellerfirmen selbst hinter den Projekten. Sie stellen den Globetrottern Fahrzeuge oder gewähren finanzielle Unterstützung. Im Gegenzug bekommen Werbe- und Presseabteilungen aktuelle Berichte und Fotos zugespielt, die dann in Zeitungen veröffentlicht werden und sie unter Beweis stellen sollen, wie zuverlässig doch die jeweiligen Typen sind. Bei diesen automobilen Reisen handelt es sich um einen echten Werbetrend, der gewissermaßen das erste breit organisierte Productplacement der europäischen Automobilwerbung darstellt. Viele Hersteller lassen ähnliche Reisen ablaufen, beispielsweise Glas („Im Goggomobil um die Welt“), Mercedes-Benz („Per Unimog durch Südamerika“), Tatra („Im T87 durch Afrika“) oder Lloyd („Weltreise mit 19 PS“), doch einzig Citroën perfektioniert diese Art von Marketing: Es beginnt mit der Förderung von Einzelprojekten wie etwa Viaus Fahrt. 1957 lobt Citroën den „Fernreisepreis“ aus, der zehn Jahre in Folge an individualreisende 2CV-Fahrer vergeben wird. Als Citroën 1970 zur 2CV-Raid nach Kubul aufruft, haben sich andere Hersteller von dieser Form der Werbung schon wieder verabschiedet. Noch zwei weiteren Fahrten nach Persepolis (Iran) und Westafrika motivieren hunderte von Entenfahrern zur Teilnahme.

 

Flussdurchfahrt, Lundi River in der Nähe von Fort Victoria, 16. Februar 1954.

Die Viau-Fahrt hat noch nicht viel mit organisiertem Ententourismus späterer Jahre zu tun. Citroën und die Zeitschrift Auto-Journal unterstützen die Reise mit Fahrzeugen und finanziell, Filmhersteller Kodak liefert Kameras und Material (zieht aber die Zusage für 10.000 Meter Film zurück, weshalb es heute leider keine bewegten Bilder von der Fahrt gibt). Jean Vinatier bekommt für die Fahrt noch eine spezielle Unterweisung in die 2CV-Technik, die vor allem in einer Audienz bei Citroëndirektor Monsieur Trabaut am Quai de Javel besteht. Trabaut, zuständig für après-vente, lässt Vinatier nach zweieinhalbstündiger Wartezeit für ganze drei Minuten vor: Er sei also der Mechaniker der Viau-Mission? Eigentlich bräuchte man auf der Fahrt keinen Mechaniker, denn bekanntlich sei der 2CV ein wartungsfreies Fahrzeug. Für den Fall der Fälle solle er sich aber trotzdem nach Levallois begeben und sich dort einen Ersatzteilkatalog und ein Reparaturhandbuch abzuholen. „Ich wünsche Ihnen eine gute Reise!“

 

Dass Vinatiers Fertigkeiten schneller als erwartet gefragt sind, zeigt sich schon zwei Tage nach Beginn der Fahrt am 22. November 1953 in Malaga, als ein Unfall eine der Kastenenten ausser Gefecht setzt und bereits im frühen Stadium die ganze Reise gefährdet: Die damals überaus strenge Staatsmacht Spaniens kann nur durch beherzte Intervention des örtlichen Citroën-Händlers davon abgehalten werden alle vier Franzosen in Untersuchungshaft zu nehmen. Auch die Reparatur gestaltet sich schwierig, denn der 2CV wird damals noch nicht nach Spanien importiert, folglich gibt es im ganzen Land – abgesehen von einer einzigen ausgestellten Ente – keinerlei Ersatzteile für dieses Citroën-Modell, und erst nach Tagen Aufenthalt kann die Fahrt fortgesetzt werden. Die kleine Kolonne setzt von Spanien aus nach Marokko über und nimmt dann zunächst östlichen Kurs, immer an der nordafrikanischen Küstenlinie entlang. Nach dreiwöchiger Fahrt erreicht man Kairo, von wo aus die eigentliche Afrikafahrt beginnt, von nun an dem Lauf des Nils folgend bis ins Herz Ostafrikas und dann weiter bis zum Kap der Guten Hoffnung. Dass es sich um die erste Afrikadurchquerung per 2CV handelt ist klar, daneben befährt aber auch erstmals überhaupt ein normales Automobil die Strecke Luxor – Port Sudan. Und von Kairo nach Kapstadt ist im Jahre 1953 auch noch niemand gefahren.

 

Kastenente und folkloristische Tänzer im Kongo, eines der vielen fotografischen Souvenirs der Fahrt.

Nach vierwöchigem Aufenthalt in Kapstadt geht es via Rhodesien, Kongo, Äquatorial- und Zentralafrika durch die Sahara zurück ins noch französische Algier, wo die Reisenden bereits erwartet werden. 37.000 Kilometer zählen jetzt die Tachometer der Wagen und ab sofort ist an allen 2CV Werbung der Zeitschrift Auto-Journal zu sehen, die die Fahrt ja ebenso wie Citroën unterstützt hat. Für Citroën muss die Betonung auf „hat“ liegen, denn nach einem euphorischen Telegramm nach Kapstadt ist vom Werk in der Zwischenzeit nichts mehr zu hören gewesen und auch bei der Rückkehr nach Paris wird man von Citroën mehr oder weniger ignoriert. Der Hintergrund hat nichts mit der Fahrt und den nun leidtragenden Teilnehmern zu tun. Ein provokativer Zwischenfall lässt Citroën das Interesse an der erfolgreichen Reise verlieren: Auf Jagd nach Fotos überfallen übermütige Auto-Journal-Reporter einen Transporter, auf dem sich ein Prototyp der bislang noch ungesehenen Citroën DS befindet.

 

Mon tour d'Afrique en 2CV Citroën erhältlich bei/disponible chez edition.garage2cv.de

Auto-Journal veröffentlicht die Bilder und vergiftet das Verhältnis zu Citroën nachhaltig. Wohl auch deshalb gerät Jean Vinatiers Geschichte in Vergessenheit. Er selbst wird in den Sechziger und Siebziger Jahren erfolgreicher Rennfahrer in Frankreich. Erst durch Zufall entdeckt Motorjournalist und Autor Dominique Pascal die Geschichte Jahrzehnte später wieder und veröffentlicht sie im lesenswerten Buch Mon tour d’Afrique en 2CV, unlängst erschienen bei Autodrome.

 

Text: Jan Eggermann
Bilder: Jean Vinatier, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Dominique Pascal/Autodrome

 

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