Renaissance Minialuxe ist wieder da

 
teaser-renaissance-minialuxe-ist-wieder-daIn den Schaufenstern französischer Gemischtwaren- und Spielzeugläden gab es seit den Fünfzigern echte Magneten für Kinderaugen, die Automodelle von Minialuxe.
 
Zum Markenzeichen des kleinen Unternehmens aus Oyonnax im französischen Jura werden in den späten Sechzigern dioramenhafte Coffrets, die mit alltäglichen Straßenszenen im Maßstab 1/32 der Spielzeugtraum vieler kleiner Jungen (und Mädchen) sind. Blisterverpackungen wie Sur l’AutoroutePlace de la gare oder Parking de luxe beinhalten jeweils mehrere liebevoll gestaltete Plastikmodelle. In Tour de France von 1970 wird ein Pulk von Fahrradrennfahrern von einem Pressewagen verfolgt. Highlight ist aber zweifellos Cortège officiel : eine schwarze Präfekturen DS in Begleitung der obligatorischen Polizeieskorte. Alternativ gibt es die Szene mit einem zusätzlichen Citroën H und als Einsatz der Police.  So gewinnt man Kinderherzen!
 
Die Geschichte der Modellautos von Minialuxe beginnt Anfang der Fünfziger. Im „Plastics vallée“ von Oyonnax nahe der schweizerischen Grenze haben sich traditionell etliche kunststoffverarbeitende Betriebe niedergelassen, so auch die Établissements Grand-Clément, ein kleines Familienunternehmen, das sich auf Knöpfe spezialisiert hat. Unter dem Signet G.C.O. (Grand-Clément Oyonnax) kommen 1951 Miniaturausgaben des Hotchkiss Grégoire und Renault Frégate im Maßstab 1/43 auf den Markt. 1953 folgt mit dem Traction Avant 15 CV ein erster Citroën. Alle Modelle entstehen dabei mit offizieller Authorisation der Originalhersteller, am Boden des 1956 erstmals erscheinenden Miniatur-Citroën DS ist das sogar – wohl nicht ohne Stolz – vermerkt. Im selben Jahr beginnt das kleine Unternehmen auch mit der Produktion im Maßstab 1/32. Anfangs sind die Modelle relativ schlicht und einfach, doch im Laufe der Zeit werden sie detaillierter.
 
minialuxe renault estafette
 
Edouard Blanc – Juniorchef des Unternehmens – und Louis Surber sind für den Formenbau verantwortlich. Virtuos gearbeitete Holzmodelle dienen als Formen für den Plastikspritzguss, fast alle zeitgenössischen Fahrzeuge werden modelliert. Die Rückschau auf das Minialuxe-Programm liest sich wie die Hitparade einstiger Zulassungsstatistiken: Simca 1000, Peugeot 304 & 404, Panhard PL, Citroën 2CV & Ami 6, später auch ausgefallenere Fahrzeuge wie Renault Alpine, Citroën SM, Peugeot 504 usw. Nicht nur französische Autos werden verkleinert, sondern auch Volkswagen K70, Jaguar E oder BMW 1500. Daneben kommen Serien mit Lastkraftwagen und Bussen von Berliet und Somua Panhard, aber auch Vehikel der automobilen Frühzeit. Der Minialuxe-Formenbau wird im Laufe der Jahre immer ausgefeilter und ist letztlich in der Lage – trotz Fertigung aus fragilem Kunststoff – bewegliche Teile einzubauen. So verfügen etwa die 1/32-Modelle von Renault Estafette und Citroën H über Schiebetüren an den Seiten, am Heck gibt es wie im Original jeweils drei schwenkbare Klappen.
 
minialuxe citroen ds et h
 
In den Sechzigern wird Minialuxe in ganz Frankreich zum Begriff, ein teilweiser Vertrieb über die Supermarktkette Prisunic trägt entscheidend zum Erfolg des Unternehmens bei. Zeitweise fertigen in Oyonnax 30 bis 40 die „Minis à luxe“, Anfang der Siebziger scheint nichts den Erfolg von Minialuxe aufhalten zu können. Doch das Ende des Jahrzehnts erlebt der Hersteller trotzdem nicht mehr:
Während Teile der Konkurrenz dem Beispiel der britischen Lesney Toys Ltd. (Matchbox) folgen und zunehmend im Zinkdruckguss fertigen und auf andere Maßstäbe und Märkte ausweichen, scheut Minialuxe den Umstieg auf das robustere Verfahren. Die ersten großen Ölkrisen lassen die Fertigungskosten unverhofft ansteigen, der Unternehmensgewinn schmilzt dahin wie Miniauxe-Modelle in südfranzösischer Sommerhitze. Anders als Konkurrent Norev, der sich früh mit Zinkdruckgußmodellen befasst, und dem nach mißglückter Verwendung eines neuen Werkstoffs sogar noch ein kompletter Rückzug aus der Produktion von Spielzeugen zugunsten des Sammlermarktes gelingt, hat Minialuxe diese Chance nicht mehr: Schweren Herzens muss Édouard Blanc Ende September 1978 die Produktion beenden, das Unternehmen hört auf zu bestehen.
 
minialuxe 2013
 
Dass dreieinhalb Jahrzehnte später die Marke wieder auftaucht, ist Marc Faujanet zu verdanken, der bereits als Fünfjähriger seine Leidenschaft für Minialuxe entdeckte: Im Juni 1963 sieht er General De Gaule im schwarzen Citroën DS  mit Polizeieskorte durch Pons (Charente-Maritime) sausen, genauso wie er das schon aus dem Schaufenster des Spielzeugladens kennt. Kaum erwähnenswert, dass der kleine Marc Wochen später sein eigenes Coffret bekommt.
 
Jahrzehnte später ist Faujanet Herausgeber der Zeitschrift Passion 43éme und lernt Édouards Blancs Tochter Laurence kennen. Beide vereinbaren im Mai 2012 Minialuxe im Geiste der klassischen Marke für Sammler wieder aufleben zu lassen. Diesmal immer im Maßstab 1/43 und aus Zinkdruckguss, ansonsten aber nah am Spirit vergangener Tage oder dem, was Nostalgiker darunter verstehen. Minialuxe konzentriert sich auf Fahrzeuge der Trente glorieuses, also der in Frankreich gerne verklärten Zeit zwischen 1945 und 1975. Ansässig ist Minialuxe heute nicht mehr in Oyonnax, sondern in Pessac an der Gironde, wo übrigens auch die französischen Euro-Münzen hergestellt werden. Die Montage der Miniaturen findet zur Zeit noch im (nicht näher bezeichneten) Ausland statt, nur Vorlagen und einzelne Kleinteile stammen aus Frankreich. „Anders wären wir nicht wettbewerbsfähig, weder in Preis noch Qualität“, so Marc Faujanet. „Trotzdem prüfen wir eine mögliche Fertigung in Frankreich.“
Die aktuelle Minialuxe-Flotte ist – in drei Ausstattungslinien – schon auf ein beachtliches Maß angewachsen, vom Citroën 2CV und DS, über Volkswagen bis zu Renault 5 und Peugeot 104 (Preise ab 39 EUR). Eingehüllt in rotem Stoff mit Minialuxe-Aufdruck wird jedes der schönen, gummibereiften Modelle in ansehnlicher und nostalgisch anmutender Kartonage ausgeliefert, eines der Markenzeichen von Minialuxe des Jahres 2013. Das Remake von Cortège officiel ist natürlich schon wieder im Programm, später sollen auch Lastkraftwagen folgen.
 
Von Jan Eggermann, 2013
 

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