Madame 404 aus Tarascon

Autokauf im Internet
Eine Affäre im Mai
Madame Peugeot 404 aus Tarascon

„Einziger Schwachpunkt: Die Kinder haben ihr Hochschulstudium aufgenommen …“ heißt es in einem außergewöhnlichen Inserat, gefunden im französischen Internet. Bei dem Verkaufsobjekt handelt es sich – wir schreiben April 2007 – um einen Peugeot 404 im zeitgenössischen „Turquoise“ mit sagenhaften 44.587 Kilometern. Seit seiner Erstzulassung am 22. März 1961 scheckheftgepflegt, selbstverständlich von der offiziellen Peugeot-Werkstatt des südfranzösischen Ortes. Einer solchen Verlockung zu widerstehen fällt schwer. Vor allem wenn damit auch noch die Aussicht auf ein verlängertes Mai-Wochenende am Mittelmeer verbunden ist. Schon die elektronische Kontaktaufnahme mit dem Eigentümer des 404 läßt klar werden, dass es sich hier nicht um ein beliebiges Gebrauchtwagengeschäft handelt. Seit 15 Jahren gehört 404 zur Familie, seitdem steht er jede Nacht in einer eigenen Garage und ansonsten wird er nur zu kleinen, ruhigen Sonntagsausflügen bewegt. Letzte rationale Bedenken geraten mit Blick auf den Kaufpreis in Vergessenheit: Aufgerufen ist ein Betrag im unteren vierstelligen Bereich, wenig Geld für viel Auto.
„Mit la vielle dame auf eigener Achse nach Deutschland?“ Bedenken des Eigentümers um das weitere Schicksal des Autos sind zwischen den Zeilen jeder der vielen Mails im Vorfeld deutlich vernehmbar. Da der Wagen über eine normale Zulassung verfügt und sich technisch in einem recht ordentlichen Zustand befindet steht einer Überführung absehbar nichts im Wege, ein passender Termin ist schnell vereinbart. Per Flugzeug geht es drei Wochen später Richtung Süden, Destination: Montpellier.


Von dort aus am nächsten Morgen nach Tarascon, dem Standort des Peugeot. Südfrankreich zeigt sich zu dieser Jahreszeit von seiner schönsten Seite. Die Temperaturen haben bereits frühsommerliche Höhen erreicht. Vorbei an den vielen Etangs, in denen das Licht der strahlenden Sonne flimmert: Kleine Binnenseen, die vom Meer nur durch schmale Landzungen getrennt sind. Dann die nördliche Camargue, das große Rhonedelta. Manchmal sieht man rechts und links der Straße die typischen weißen Pferde der Camargue, die hier natürlich auf die noch nicht vorhandenen Touristen warten. Im Naturschutzgebiet zwanzig Kilometer südlich erlebt man sie in freier Wildbahn. In den kleinen Städtchen der Gegend wie Lunel, Vauvert oder St. Gilles herrscht um die Mittagszeit wie immer geschäftiges Treiben, manchmal duftet es nach Wein, Muscheln oder Croissants, Stände mit Obst, Straßencafes, hier und da ein kleiner Stau vor einer der wenigen Ampeln. Mit jedem Meter Straße steigt jetzt die Vorfreude auf den 404, keine zehn Kilometer mehr!Kurz noch von Beaucaire aus über die Rhonebrücke nach Tarascon. Noch ein kurzes Scheitern an den Einbahnstraßen des mittelalterlichen Stadtkerns. Und dann öffnet sich Minuten später eine unscheinbare Garage. Pierre, der Eigentümer des Autos, ist noch nicht von seiner täglichen Rennradtour zurück, und so ist es seine Frau, die den ersten Kontakt mit Madame 404 vermittelt. Bereits ein erster flüchtiger Blick zeigt, dass der Peugeot voll und ganz halten wird, was sich bereits virtuell angekündigt hatte. Die Dame des Hauses ist mit dem Wagen sehr vertraut, und ihr ist anzumerken, dass ein Abschied bevorsteht, der schwer fällt, „Soll ich sie einmal für Sie herausfahren?“ Sie soll!
Augenblicklich meldet sich die Maschine mit ihrem unvergleichlichen Vierzylinderklang. Rau und sonor klingt so ein Peugeot-Motor aus den Sechzigern, trotzdem drängt sich der Vergleich zu einer kerngesund schnurrenden Nähmaschine auf. Behutsam schaltet Madame Madames Rückwärtsgang an der Lenkradschaltung, greift routiniert zur anachronistisch wirkenden Handbremse, die an einen vorzeitlichen Fahradlenker erinnert, entriegelt, und schon rollt 404 langsam aus der schattigen Garage in gleißendes Sonnenlicht. Als Pierre ein paar Minuten später von seinem Rennrad steigt, klärt Madame gerade die Bedeutung des in Chrom geprägten Wortes „Climatisation“ rechts vom Armaturenbrett: Hier im 404 meint es nicht Klimaanlage, sondern umschreibt euphorisch die 404-Heizung, die hier in Tarascon zeitlebens kaum benutzt worden ist.

Kurze Zeit später sitzen wir bei einem Glas Erdbeersirup im schattigen Garten des Hauses. Ein vergilbtes Foto hatte vor fünfzehn Jahren den Ausschlag zum Kauf des Peugeot gegeben. Das alte Bild zeigt Pierre als Kind vor dem Wagen des zu früh gestorbenen Vaters, an den er außer dem Foto kaum noch Erinnerungen hatte. Der Peugeot war für Pierre eine Suche nach verschütteten Kindheitserinnerungen. Ausgesprochener Oldtimer-Fan sei er nicht, er habe sich lediglich bemüht, den Wagen zu erhalten. Und das mit der Akribie eines Veterinärmediziners: Vor uns liegen sämtliche Werkstattrechnungen, die alte Betriebsanleitung, längst nicht mehr aufgelegte Ausgaben der RTA und diverse Ausgaben des französischen 404-Magazins, alles ordentlich sortiert und abgeheftet. Dass Pierre eine Vorliebe für altes Papier hat, zeigt sich, als er die Laden des vermeintlichen Gartenhäuschens öffnet, das da hinten am Ende des Grundstücks steht, und sich als Privatbibliothek im Stil eines provenzalischen Buchladens entpuppt. Eine Fundgrube französischer Literatur, herrliche Erstausgaben der großen Klassiker, an einer Wand ein Piano, die passenden Notenblätter anbei, und das in einem Gartenhäuschen! Der 404 gerät angesichts des unerwarteten Gesprächsthemas kurzfristig in Vergessenheit, bis aus dem Garten ein dezenter Hinweis auf den abendlichen Theatertermin gegeben wird.
Pierre schlägt also notgedrungen vor, eine kurze Probefahrt zu machen und bei dieser Gelegenheit die Eigenheiten des Wagens zu erklären, vor allem zu Testen, ob 404 auch für die angedachte Fahrt nach Deutschland tauglich ist. Zweifel bestehen daran eigentlich nicht, aber sicher ist sicher. Wir nehmen Platz in den weichen Polstern. Die vordere Sitzbank ist etwas zerschlissen, Schonbezüge kaschieren den partiell zu Staub gewordenen grauen Originalbezug. Pierre nimmt lässig am Steuer Platz und wir verlassen Tarascon in Richtung Avignon. „Der 404 galt in den Sechziger Jahren als Auto der Mittelschicht, des französischen Beamtentums. Ein bisschen bieder, in jedem Fall weit entfernt vom Chic einer Citroën DS,“ erklärt Pierre und während wir von der Nationalstraße in eine kleine Departementale abbiegen, sinniert er über die kleinen Brüche in dieser französischen Biederkeit à la Peugeot. Dass er so lässig hinterm Volant sitze liege am leicht zur Fahrertür geneigten Lenkrad. Ergonomie des Jahres 1961. Durch die geöffneten Fenster dringt typischer Pinienduft ins Wageninnere. Auf der schmalen Gebirgsstraße muss Pierre Madame häufig Bremsen und Schalten. Neben uns tief abfallende Böschungen, vor uns immer wieder schnell entgegen kommende Autos. Gegenverkehr wird Millimeterarbeit. Und beim Bremsen fällt Pierres Griff zum Lenkrad energischer aus als sonst. Die vordere Bremse zieht einseitig. Was kein Problem ist solange die Geschwindigkeit niedrig bleibt …


Dann taucht inmitten der Landschaft und weit entfernt von jeglicher Besiedelung, ein unerwartetes Kleinod auf: Das Klosterdorf St-Michel-de-Frigolet. Ein großer geschotterter Parkplatz läßt ahnen, was sich hier in den Sommermonaten abspielt, doch zu dieser Jahrezeit ist das 1316 erstmals erwähnte Kloster das, was es immer sein wollte: Ein Ort der Abgeschiedenheit und Ruhe. Den 404 lassen wir stehen und gehen zur Kirche hinunter. Rechts und links neben uns säumen zweigeschossige Klostergebäude die einzige Straße des Örtchens. In einem befindet sich ein kleines Restaurant mit Fremdenzimmern. „Nach der Revolution kam es in Frankreich zu einer Zeit der Neuorientierung, zur Renaissance von Klöstern und Kirchen. In jener Zeit erhielt St. Michel sein heutiges Aussehen,“ sagt Pierre und öffnet die schwere Holztür zur Kirche.

Weiter in südliche Richtung, über St. Rémy-de-Provence in die Chaînes des Alpilles, ein kleiner der Tiefebene der Camargue vorgelagerter Gebirgszug. Pierre ist noch am Steuer geblieben und gibt weitere Beziehungstipps zum Umgang mit Madame. Vor allem beim Zurückschalten in den ersten Gang ist Fingerspitzengefühl gefragt. Wie bei allen Autos jener Zeit ist die Synchronisation noch nicht wirklich vorhanden. Auch beim Hochschalten erzieht Madame zur Wachsamkeit, stimmt die Drehzahl nicht exakt quittiert sie das mit konsequentem Liebesentzug. Sie bewegt sich erst wieder wenn man sie vorher behutsam zum Stehen gebracht hat.

Les Baux-de-Provence ist das nächste Ziel der „Probefahrt“. Zu diesem Zeitpunkt haben wir schon 50 Kilometer hinter uns gelassen. Oben im Gebirge befand sich früher ein bedeutendes Bauxitvorkommen. Als sich der Abbau nicht mehr lohnte überließ man die Tagebauten für Jahrzehnte der Natur und funktionierte später alles zu einem Naherholungsgebiet um. Besonders beeindruckend das in Fels getriebene Freilichttheater mit klangvoller Akustik. Noch weiter oben befindet sich eine alte Burg mit kleinem Städtchen. Über steile Treppen steigen wir hinauf und philosophieren ein wenig über das deutsch-französische Verhältnis und Pierres Absicht demnächst an einem Triathlon teilzunehmen, deshalb seine täglichen Radtouren. Einen Anflug von Melancholie kann er dann aber doch nicht ganz verbergen, denn als man uns im kleinen Café des Ortes einen Diabolo serviert, erinnert ihn das an die Sommertage seiner Jugend.



Als wir anderthalb Stunden später wieder in Tarascon eintreffen, steht seine Frau schon theaterfertig in der Haustür. Wir müssen uns also beeilen, wobei Pierre noch anbietet über Nacht zu bleiben, doch die Planung läßt das leider nicht zu. Aber eines Tages werden wir uns sicher wiedersehen, vielleicht wenn er in Rente ist und seinen kleinen Buchladen eröffnet hat. Das Administrative ist schnell erledigt: Ein paar Scheine Geld gehen an ihn, er schreibt mit Kuli „Vendu le Mai 22. 2007“ auf die Carte grise. Augenzwinkernd sagt er zum Abschied: „Wollen wir ein Abkommen treffen? Wenn alles in Ordnung bleibt mit dem Auto, dann melden Sie sich immer. Wenn nicht, dann möchte ich nichts mehr von Ihnen hören.“ Darauf kann man sich gerne einlassen, denn dass die zweite Alternative eintreffen wird steht außer Frage. Zur Theatervorstellung wird Pierre an diesem Abend nicht mehr pünktlich gekommen sein. Alles hat seine Zeit im Leben, und was ist eine Theatervorstellung, wenn es darum geht eine 15jährige Beziehung zu beenden? Au revoir!


Zwei Stunden Fahrt in westliche Richtung liegen noch vor uns. Nennenswerte technische Probleme gibt es keine, außer dass Madame absolut vorausschauendes Fahren abverlangt: Ihre vordere Bremse wirkt völlig einseitig, eine unüberlegte Vollbremsung würde ohne Umweg im nächsten Straßengraben enden. Außerdem qualmt es gewaltig wenn der Wagen richtig warm gefahren ist. Später wird sich ein defekter Öldruckschalter als Ursache herausstellen. Als wir mitten in der Nacht in Agde eintreffen begrüßt uns die Stadt mit einer Straßensperre der Gendarmerie, was trotz des vergessenen Führerscheins und den Papieren im Mietwagen kein großes Problem darstellt, denn natürlich hat auch die französische Polizei volles Verständnis: An einem solchen Tag beschäftigt sich niemand primär mit Fahrzeugpapieren.

Ungeplant verlängert sich das Wochenende um eine Woche. Der kleine Defekt an der Bremse ist Minutensache, stattdessen spielt Madame 404 jetzt täglich ihren Charme aus: Auf den Straßen des Midi zwingt sie ihren Fahrer zu weiterem Aufenthalt: Eine Affäre im Mai, die erst zu Ende geht, als ich sie Tage später in eine Parklücke lenke. Nach einer schlaflosen Nacht waren Madame und ich angekommen: Im Berufsverkehr einer deutschen Großstadt.

Von Jan Eggermann, 2008.





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