Jacques Wolgensinger: Das Phänomen Citroën 2CV

Fast überall auf der Welt wurde der 2CV zu einem Begriff. Ein Phänomen, das das Herz an die Stelle stelle bloßer Vernunft treten ließ. Er bezwang Berge und Vulkane, rollte über Eisberge, durch Felswüsten, Steppen oder Äcker, er schnaufte durch Dickichte, Savannen und Universitätsviertel. Ursprünglich von Jean-Francis Held für den Nouvel Observateur verfasst, ist der Text auch als Vorwort von Jacques Wolgensingers La 2CV – Nous nous sommes tant aimés zu lesen.
 
Das Phämomen 2CV wird schnell zum Leitmotiv des Jacques Wolgensinger, nachdem er im April 1957 als junger Journalist von den Derniéres Nouvelles d’Alsace zu Citroën in Paris wechselt. Bereits seit einigen Jahren ist der ebenfalls aus Strasbourg stammende Claude Puech für die Werbung des Unternehmens verantwortlich. Die beiden kennen sich aus Studienzeiten und da Citroën zur Verbesserung der Pressearbeit unbedingt qualifizierte Mitstreiter benötigt, ist „Wolgen“ schnell engagiert.
 
Als im April 1960 auch noch ein gewisser Robert Delpire – seines Zeichens Herausgeber einer Zeitschrift für künstlerische Photographie – bei Puech vorstellig wird, um ihn von der Idee einer Bildreportage in einem Citroën-Werk zu überzeugen (kein Geringerer als Henri Cartier-Besson soll als Photograph mitarbeiten), ist schnell ein Trio beisammen, das die Unternehmenskommunikation in den Sechziger und Siebziger Jahren einzigartig machen wird und zum Erfolg des Unternehmens, vor allem aber zum Image des 2CV erheblich beiträgt. Übrigens kann Puech Delpire zunächst nicht helfen, er muss direkt bei Firmenchef Bercot vorstellig werden, um eine Genehmigung zur Arbeit in den heiligen Hallen der Citroën-Werke zu bekommen, doch das ist eine andere Geschichte.
 
Die Troika Wolgen-Puech-Delpire ist fortan in unzähligen Werbemitteln jener Zeit erkennbar, ob bei der von Wolgensinger initiierten und bis heute erscheinenden Werkszeitschrift Double Chevron oder vielen Prospekten. Während Puech und Delpire die grafischen Entwürfe entwickeln, verfasst Wolgensinger die passenden Texte.
 
Einerseits französisch-konservativ geführt, ermöglichen die hierarchisch kurzen Wege bei Citroën in Verbindung mit vergleichsweise geringen finanziellen Möglichkeiten erstaunliche Ergebnisse. Technisch hat Citroën bereits unter Boulanger Innovationen vor allem aus der Kreativität seiner Mitarbeiter gewonnen. In Erinnerung geblieben ist der aus Zeiten der 2CV-Entwicklung überlieferte Satz, wonach gute Ideen nichts kosten und das Produkt am Ende noch besser machen. Für die quasi seit dem Ausscheiden André Citroëns Mitte der Dreißiger Jahre nicht mehr weiterentwickelte Öffentlichkeitsarbeit der Marke scheint man nun auf eine ähnliche Philosophie zurückzugreifen: Die drei kreativen Köpfe der Öffentlichkeitsarbeit haben fast alle Freiheiten, man setzt auf gegenseitiges Vertrauen.
 
Der 1961 erscheinende Prospekt 2CV – La liberté ist ein erster Ausdruck der ungeheuren kreativen Energie des Trios, die zu jener Zeit wohl nur in einem einzigen Unternehmen solch Früchte tragen kann, nämlich bei Citroën. Künstlerisch hoch anspruchsvoll und dennoch nicht ohne Humor feiert 2CV – La liberté das Phänomen 2CV. Erstmals wird Wolgensingers journalistisches Fazit „der 2CV sei kein Automobil sondern eine Lebenseinstellung“ millionenfach unter die Leute gebracht. Citroën-Werbung jener Zeit wirkt bei aller ästhetischen Überhöhung der automobilen Objekte durch die Texte Wolgensingers knapp und prägnant, immer aber ehrlich und vertrauenswürdig. Hier schreibt kein Werbetexter an einer beliebigen Auftragsarbeit, sondern ein Journalist, der vom Phänomen der Marke – vom Phänomen des 2CV – überzeugt ist. Wolgensinger bleibt gewissenhaft und schreibt oder sagt nur das, was den Realitäten entspricht.
 
Auf redaktionelle Arbeiten rund um die Marke Citroën bleibt Wolgensinger nicht beschränkt: Er interpretiert die legendären Croisiéres neu, initiiert die bis heute bekannten 2CV-Raids nach Kabul, Persepolis und zur Côte d’Ivoire. Im Sommer 1972 findet das erste 2CV-Cross statt, natürlich auch eine Wolgen-Idee. Dem Unternehmen bleibt er auch nach der Fusion in den PSA-Konzern treu. Bis zu seinem Ausscheiden ist er als Leiter der Abteilung Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei Automobiles Citroën tätig. Und auch seinen Ruhestand widmet er weiterhin dem Unternehmen, diesmal als Autor etlicher Bücher zur Geschichte des Doppelwinkels und der Ente im Speziellen.
 
Ob er glaube, eines der Citroën-Nachfolgeprojekte könne den 2CV ersetzen, wird er noch als Direktor für Öffentlichkeitsarbeit in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gefragt. Seine Antwort: Der 2CV-Nachfolger wird sicher nicht mehr so originell und revolutionär ausfallen. Wahrscheinlich wird ein solches Auto in der Masse der anderen Kleinwagen untergehen. Dem Phänomen 2CV fügte Jacques Wolgensinger nichts hinzu.
 
Jacques Wolgensinger stirbt am 8. November 2008 in Nizza.
 
Von Jan Eggermann, 2009

 
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