Dezember 1980: Das Citroën Werk Forest schließt.

 

Sauf 2CV: Im Dezember 1980 läuft der letzte Citroën vom Band des Montagewerkes Forest in Belgien. Bild: Archiv garage2cv.de

Im Dezember 2010 schließt General Motors sein belgisches Opel-Montagewerk in Antwerpen zum Zwecke der Kostensenkung und Effizienzsteigerung. Für 2.600 Mitarbeiter wird es voraussichtlich auch im wirtschaftlich starken Flandern schwer, Beschäftigung zu finden. Vor einer ähnlichen Situation stehen fast auf den Tag genau vor dreißig Jahren die belgischen Citroën-Arbeiter, denn am 17. Dezember 1980 wird ihr Werk im Brüsseler Vorort Forest geschlossen. Citroën begründet die Entscheidung damals mit um 60% über französischem Niveau liegenden Lohnkosten – wie sich die Argumente doch gleichen.

 
1924: Anfänge in Saint-Gillis

Bereits seit Anfang 1924 ist der Hersteller mit seiner „Société Belge des Automobiles Citroën S.A.“ in Belgien präsent, damalige Gesetze machen eine Montage vor Ort erforderlich, denn hohe Zölle verhindern bis in die Fünfziger Jahre hinein den Import von Fahrzeugen aus Frankreich. Die erste produzierende Citroën-Niederlassung ausserhalb Frankreichs liegt in der Amazoonestraat 47-51 im Brüsseler Stadtteil Saint-Gillis. Eine Übergangslösung, denn auf 2.500 Quadratmetern ist an eine Expansion der Fahrzeugmontage nicht zu denken. Bereits 1926 ist ein paar Kilometer weiter südwestlich im Vorort Forest (oder flämisch Vorst) eine ungleich geeignetere Fläche und somit ein neuer Standort für die belgische Citroën-Produktion gefunden. Auch das Werk Forest liegt in einem eher städtischen Umfeld mit begrenzter Fläche, doch immerhin gibt es hier einen eigenen Eisenbahnanschluß, der die Lieferung in Frankreich vorgefertigter Fahrzeugteile erleichtert. Im Laufe der Jahrzehnte kann die Fläche durch Zukäufe von 6.600 auf rund 23.500 Quadratmeter erweitert werden. Dass bis Ende 1980 Automobile produziert werden, ist auch eine bautechnische Meisterleistung, die zwar nicht ästhetisch, aber immerhin funktional ist: Die Montage in Forest verläuft zeitweise auf sechs Etagen, zuletzt verfügt das Werk über 69.000 Quadratmeter überbauten Raum.
 

Unverwechselbar im Land der Comics: Die Société belge des Automobiles Citroën gewinnt Anfang der Sechziger …

In den Zwanziger Jahren machen die Typen 5CV und B12 & 14 den Anfang, gefolgt vom 11 CV. Leider sind keine genauen Produktionszahlen mehr bekannt, alle Unterlagen sind wahrscheinlich bei Bombenangriffen auf das Werk am 11. und 25. Mai 1944 verloren gegangen. Heute geht man von etwa 30.000 bis zum Kriegsausbruch montierten Fahrzeugen aus.

Entwicklungsabteilung wird zur Ideenschmiede

Schon 1944 und 45 beginnt der Wiederaufbau des Werkes und 1948 kann in Forest die Produktion des 11 CV erneut anlaufen. Belgische Traction Avant entstehen bis 1956, es folgen bis 1969 ID und DS. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch rund 15.000 Panhard-Fahrzeuge in Forest produziert werden, die in Belgien zeitweise als „Citroën PL 17“ vermarktet werden.
 
Bekanntheit erlangt die Citroën-Montage in Forest aber vor allem durch die Ente, die hier hunderttausendfach entsteht. Zunächst entsprechen die ab 1952 montierten 2CV weitgehend der französischen Serie. Forest ist am Anfang mehr oder weniger ein reines Montagewerk, doch die Belgier erkennen früh, dass die belgische Klientel andere Bedürfnisse hat als die französische.
 

… den Zeichner Jean-Luc (Béghin), damals bereits aus den Magazinen wie Tintin oder Spirou bekannt.

Die kleine Entwicklungsabteilung wird im Laufe der Jahre zu einer Art Ideenschmiede und widmet sich liebevoll und detailversessen der Entenperfektionierung. Viele der Ideen aus Forest werden später auch anderswo in die Serienfertigung übernommen, denn die Citroën-Zentrale in Paris ist über alle Detailänderungen im Vorfeld informiert, alles muss angemeldet und abgesegnet werden, ein „Nein“ aus Paris hören die Belgier aber nie.
Den Anfang belgischer Eigenarten macht im Februar 1954 die 2 CV AL (ab Oktober 1954 mit 425 ccm Motor als AZL bezeichnet), die sich schon durch erstmals wählbare Farben vom Original unterscheidet. „L“ steht für „luxe“ und tatsächlich bekommen Käufer der AL neben viel Chrom und verstärkten Stoßstangen auch Heckklappen aus Blech, die in Verbindung mit den charakteristischen Trapezfenstern äusserlich sofort vom französischen 2 CV unterscheidbar sind. Auch bei der Innenausstattung finden sich im Laufe der Jahre viele Details, die der Ente ansonsten nirgendwo (oder erst viel später) serienmäßig mit auf den Weg gegeben werden, wie beispielsweise Sonnenschute, Ablagen in den Türen oder andere Armaturenbretter und Lenkräder. Als Ende 1957 in Frankreich Heckklappen aus Blech in Serie gehen und auch nach Belgien geliefert werden, geht Forest wieder einen Schritt weiter und lässt die „AZL 3“ mit zusätzlichen Reserveradklappen am Heck und dritten Seitenfenstern ausstatten. Gewissermassen als Krönung der Benutzerfreundlichkeit erleichtern ab Anfang 1959 sogar konkave hintere Kotflügel das Prüfen des Luftdrucks! Die Luxusenten aus Forest kommen nicht nur in Belgien gut an, sondern erleichtern Citroën auch den Zugang zu anderen Märkten.
 

Im Mittelpunkt der gezeichneten belgischen Citroënwerbung steht natürlich die Ente …

Erster Exportmarkt für belgische Enten
Die Schweiz ist im März 1954 der erste Exportmarkt. Nicht zuletzt durch das Engagement eines Mitarbeiters der Niederlassung in Genf – Karl Schori alias Monsieur 2 CV Suisse – wird der Döschwo zu einem echten und Jahrzehnte anhaltenden Markterfolg. Schon kurze Zeit später kommen weitere Absatzgebiete hinzu, belgische 2 CV rollen ab Oktober 1954 in Schweden und den USA, in der Bundesrepublik ab Spätsommer 1958. Ein weiteres Eigengewächs aus Forest, ist die im März 1954 erscheinende AZUL Week End. Mittels Zweifarbenlackierung, großen Seitenfenstern, einer herausnehmbaren Rückbank und mit allen verwendbaren Details der Brüsseler AZL bzw. AZL 3 ausgestattet, ist das Fahrzeug ein früher Vorläufer heutiger Familienautos. Sie wird bis 1963 produziert, danach kommt der verlängerte und stärkere Nachfolgetyp 3 CV Week End (AKL) auf Basis der AK, der wiederum bis Ende 1966 angeboten wird. Eine letzte „echte“ belgische Besonderheit ist die von 1966 bis 1968 ausschließlich in Forest produzierte 3 CV (AZAM Export) mit der Technik des Ami 6, der ab 1961 ebenfalls in Forest hergestellt wird. Erstmals verfügt die Ente über den 600 ccm-Motor und vier hydraulische Stoßdämpfern und stellt so gewissermaßen eine Vorwegnahme des späteren 2 CV 6 dar.
 

… doch auch der Ami 6 wird schnell zum Motiv.

Forest, Werk für Spezialaufträge
Mit Reduzierung des 2 CV-Programms auf die AZA gegen Ende der Sechziger Jahre sind Enten aus belgischer Produktion nur noch an kleinen Details wie schwarz lackierten Lenkrädern von denen aus Levallois zu unterscheiden. Im Gegensatz zu den französischen Fahrzeugen sind sie aber deutlich besser gegen Korrosion geschützt, denn man verwendet am Fahrzeugchassis schon seit 1964 die sogenannte Tektyl-Versiegelung. Die Vereinheitlichung des Entenprogramms auf 2 CV 4 und 2 CV 6 im Jahre 1970 bedeutet das Ende belgischer Eigenheiten, für das Werk Forest werden die Siebziger Jahre trotzdem zum produktivsten Jahrzehnt der 2 CV-Fertigung: Durchschnittlich 60.000 A-Modelle werden jetzt jährlich hergestellt, in den letzten Jahren immer deutlich mehr Kastenenten als Limousinen. Forest ergänzt nun auch das Werk Levallois für den französischen Markt. Ab 1974/75 erfolgt hierzu die Belieferung über über das neue Verteilzentrum in Aulnay-sous-bois. Daneben kann Forest auch Sonderaufträge mit kleinen Stückzahlen übernehmen: Ein Teil der Mehari 4×4-Produktion stammt von hier, ausnahmslos aus der Rue Saint Denis 82 kommt das Militärfahrzeug Lohr mit 2 CV-Technik, und selbst der allererste Prototyp der Charleston-Ente wird in Forest zusammengebaut.
Eine stattliche Anzahl von immerhin 705.904 Enten hat das Werk bis 1977 insgesamt produziert, hinzu kommen 72.422 Mehari und 60.342 Ami 6. Die Herstellung der Ente ist in Forest schon seit 1977 Geschichte, doch sogar als die 2CV-Fertigung zu Gunsten von LN und Visa längst aufgegeben ist, sieht es im Frühjahr 1980 kurzfristig noch einmal nach einer Renaissance der Ente aus: Die Citroën-Zentrale in Paris denkt an eine Wiederaufnahme der 2 CV-Produktion, doch eine entsprechende Kosten-/Nutzen-Analyse bringt kein überzeugendes Ergebnis und führt schließlich zur gänzlichen Aufgabe der belgischen Citroën-Produktion am 17. Dezember 1980.
 
Mit Blick auf die Schließung des Opelwerkes in Antwerpen im Dezember 2010 drängt sich der geflügelte Satz Dasselbe in Grün auf, mit dem der deutsche Volksmund einst das Opel-Plagiat „Laubfrosch“ des Citroën 5 HP kommentierte. Doch ganz vergleichbar sind die beiden Fälle nicht, denn für den Automobilstandort Forest ergibt sich schon bald nach Schließung des Werkes eine neue (automobile) Perspektive: Citroën verkauft Werk und Grundstück noch 1980 an die Volkswagen AG, die dort kurze Zeit später ein modernes Werk errichtet das bis heute in Betrieb ist.
 
Von Jan Eggermann
 
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im Entenschnabel, Heft 184 vom Dezember 2010.
 
Les filles de Forest ist der Titel eines empfehlenswerten Buches in niederländischer Sprache, das sich ausführlich mit den 2CV aus Brüssel befasst. Wer sich für die Einflüsse des (schweizer) Exportmarktes auf die Typologie der 2CV aus Brüssel interessiert, sollte unbedingt Citroën 2CV – Der Döschwo in der Schweiz von Räto Graf lesen.
 

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