Vor vierzig Jahren:
Schwarzer Februar 1961 - Der Zusammenbruch der Borgward-Gruppe
Was ganz langsam wie ein nie gekanntes Unwetter ab Herbst 1960 am Horizont aufzog: im Februar 1961 hatten die Untergangswolken Bremen endgültig erreicht. Firmengründer Carl F.W. Borgward erfuhr aus der Tagesschau des ersten deutschen Fernsehens: Er war zahlungsunfähig. Pleite. Schluss. Aus und vorbei. Tage später verzichtete er zugunsten einer staatlich getragenen Auffanggesellschaft auf seine Werke. Eine Trennung von Goliath - dem einstigen Anfang, von der Borgward-Produktion und den Lloyd-Motoren, über deren Fahrzeuge er einmal gesagt hat, allein sie hätten ihm das grosse Geld gebracht. Was durch fehlende unternehmerische Weitsicht eine ganze Industriegruppe an den Rand des Absturzes gebracht hatte, wurde in wenigen Monaten ergänzt durch mangelnde Kompetenz der neuen Firmenführung. Parteipolitische Interessen, die Konkurrenzsituation und eine verständliche Verunsicherung der Kunden sorgten dann dafür, dass kein halbes Jahr später in Sebaldsbrück die letzte Isabella vom Band lief. Knapp zwanzigtausend Arbeitnehmer verloren ihre Arbeitsplätze.
Wie von Skeptikern vorausgesehen blieb jedoch nach Abwicklung des Konkursverfahrens Geld übrig. Ein später Beweis, dass die Borgward-Gruppe nicht hätte untergehen müssen. Nach nunmehr vierzig Jahren bleibt ein bitterer Blick zurück.

"Die zur Borgward-Gruppe gehörenden Lloyd Motoren Werke haben von den für die Aufnahme der Arabella-Produktion neueingestellten 2000 Arbeitskräften in diesen Tagen 900 wieder entlassen müssen. Nachdem bis zum August 1960 35000 Fahrzeuge vom Typ Arabella abgesetzt worden sind, hat jetzt die Nachfrage nachgelassen, was vom Werk auf Saisoneinflüsse sowie auf den fehlenden Exportanteil zurückgeführt wird."
Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 14.September 1960
"So dient die Fabrikation in Bremen neben normalem Erwerbsstreben nicht zuletzt dem Hobby des Betriebsinhabers. Aus reiner Lust am Basteln entwickelt und baut der Fabrikant Autos ... "
"Über Probleme des Verkaufsgeschäftes ist allerdings schlecht mit einem Mann zu diskutieren, der auf die Frage, warum er neuerdings Hubschrauber bauen will, antwortet: "Weil es Spass macht." ...
Zitate aus dem
Spiegel-Artikel
"Der Bastler" vom Herbst
1960.
"Er wußte, was das bedeutete. Mein Mann legte sich auf die Couch und hat geweint."
Elisabeth
Borgward über den Abend, an dem die
Tagesschau über die
Zahlungsunfähigkeit berichtete.
"Carl F.W. Borgward war noch ein zündender Initiator und seine Unternehmungen waren frei von der alles Schöpferische zunehmend untergrabenden Anonymität, aus deren Dunkel er nun zu Fall gebracht worden ist."
Borgward-Architekt Lodders im Sommer 1961

Dolchstosslegenden
Wie war das möglich, was steckt dahinter? - Das fragen uns viele zum Fall Borgward. Fehldispositionen, zu viele Typen, zu wenig Stückzahl, zu wenig Rationalisierung - all das reicht vielen Borgward-Freunden als Erklärung offenbar nicht aus. Und ein Borgward-Händler brachte uns aus Bremen mit fanatischer Verzweiflung die Antwort: "Jawohl, es war glatter Mord. Die Presse hat Borgward ermordet!"
Zu jedem geschäftlichen Zusammenbruch gehört auch eine Dolchstosslegende. Hätte dieser das getan und jener jenes, dann wäre es nicht so gekommen. Und die Legende der Borgward-Freunde vom Dolchstoss in den Rücken sieht nun so aus: Politiker haben geschwatzt, die Presse hat es gedruckt. Die Presse hat dann mehr geschwatzt und immer wieder, und so ging die gute alte Firma in die Brüche, das Lebenswerk eines großen Mannes wurde zerstört. Und es erheben sich Stimmen, die dies Unrecht nicht hinnehmen wollen. Die Händler und Kunden sollen sich in einer Gesellschaft der Borgward-Freunde zusammentun und das Werk Sebaldsbrück erwerben und Kleinaktien ausgeben und dann allen Geschicken zum Trotz die Isabella weiterbauen und möglichst auch die Arabella und vielleicht auch den 2,3 Liter und auf jeden Fall Ersatzteile.
Man kann die Leute nicht schelten, die als Borgward-Händler plötzlich vor einer katastrophalen Lage stehen und sogar die Ersatzteilversorgung für ihre Kunden gefährdet sehen. Man kann noch weniger die Borgward-, Hansa- und Lloyd-Kunden schelten, die um die Rentabilität ihres teuer bezahlten Fahrzeuges bangen müssen, und man muss an die weit verzweigten Geschäftsverbindungen der zusammengebrochenen Großfirma denken; die nicht zuletzt auch für viele kleine Unternehmen ist der Verlust des Kunden Borgward eine Katastrophe. Das alles ist aber noch kein Grund, Dolchstosslegenden spriessen zu lassen, die nach dem Zusammenbruch so vieler Illusionen nur neue Illusionen wecken können.
Weder "die Presse" noch "die Politiker" noch "dunkle Machenschaften der Konkurrenz" sind für den Zusammenbruch verantwortlich zu machen. Die Presse berichtete nicht aus der leeren Luft, gerade im Fall Borgward. Die Politiker haben nicht darum gebeten, dass man ihnen die Finanzprobleme einer Privatfirma auflädt. Und die Konkurrenz ist vor allem bei den kleinen Klassen durchaus nicht glücklich über den Zusammenbruch. Das Krisenbarometer der Gesamtwirtschaft ist sehr empfindlich und jede Einzelkrise erweckt stets breites Misstrauen des Publikums gerade in problematischen Fahrzeugklassen mit grosser Konkurrenz. Besonders deutlich wird dies bei der Arabella: Man spürte die psychologische Auswirkung der Borgward-Krise sofort auch in München und in Ingolstadt - vielleicht zu Gunsten von Rüsselsheim, Köln und Wolfsburg, wo man aber ohnehin nicht nötig hatte, sich über eine Arabella den Kopf zu zerbrechen, die im besten Falle maximal 250 Stück Tagesproduktion erreicht hätte.
Dolchstosslegenden helfen nicht weiter; die Wahrheit ist klar und offen: der Firmenchef Dr. h.c. Carl F.W.Borgward hatte - menschlich wohl verständlich - nicht rechtzeitig die Zeichen der Industriewelt von heute erkannt. Er ist zu spät und immer noch zögernd auf den neuen Kurs gegangen und konnte die innere Problematik, die sein persönliches Regime für seine Werke mit sich brachte, nicht lösen, wenn überhaupt erkennen. Es ist nicht nötig, die Geschichte einer psychologisch unerfreulichen Struktur einer solchen Industriegruppe aufzublättern; das würde die persönliche Tragik des Falles Borgward nur noch vertiefen. ...
Eine modernisierte Isabella, eine verfeinerte und zugleich zur billigeren Herstellung durchrationierte Arabella oder gar ein weitergebauter 2,3 Liter - all das sind Träume, an die niemand ausserhalb von Bremen noch glaubt. Das Unglück ist schon so gross genug. Auf Dolchstosslegenden aufgebaute Utopien könnten es nur noch verschlimmern.
Dr. Paul Simsa in mot, 9/61
Lob für Lloyd
"Ich fahre eine Arabella und möchte bei dieser Gelegenheit die im Konkurs arbeitende Firma Lloyd loben. Man hat mir privat einen Austauschmotor von 38 auf 45 PS mit Nebenaggregaten geliefert. Anfrage und Information waren vorbildlich und korrekt, jedes gewünschte Ersatzteil ist zu haben. Verwunderlich, mit welchem Geist dort noch gearbeitet wird und noch viel unverständlicher ist, daß so wenig darüber erwähnt wird, wo man billig ein gutes Auto bekommt"
aus einer Automobilzeitschrift vom November 1963
Es war seine Tragik, daß ihm ein Partner fehlte ... Er war in seinen Entschlüssen und seiner Arbeitsweise einsam, wollte es wohl auch sein. Er war zu sehr Pionier, im tiefsten Sinne zu sehr Privatmann. Daran ist er gescheitert. Die Probleme der letzten Zeit vor dem Zusammenbruch haben Qualität und Ruf seiner Wagen verdunkelt. Aber nichts kann dunkler gewesen sein als die Nächte, in denen er um sein Lebenswerk trauerte.
Dr. Paul Simsa in mot 10/63
"Borgward wurde voreilig in den Konkurs getrieben."
Der Spiegel (!!!)/Sommer 1965