erpel2cv6: Entenkauf im Internet

Ein Citroën 2CV6 Baujahr 1989 im sehr guten und rostfreien Zustand. Tüv und ASU neu. Und das für 2.900,- DM? Unglaublich und zu schön um wahr zu sein? Jedenfalls dann nicht, wenn man einer im Internetauktionshaus eBay geschalteten Annonce Glauben schenkte.

garage2cv.de hat das Angebot „ERPEL 2CV6 TOPZUSTAND“ geprüft.

Von der Tischdecke bis zum Rasenmäher kann heutzutage so ziemlich alles im Internet ersteigert werden, was das Herz begehrt. Auch Citroënisten bietet sich ein reichhaltiges Angebot. Ob Prospekte, Modelle, Bücher oder Ersatzteile: Alles ist käuflich. Meist zu moderaten Preisen. Nepper sind selten, denn ausgeklügelte Bewertungssysteme schließen schwarze Schafe schnell von Auktionen aus. Etwas seltener im Angebot sind ganze Fahrzeuge. Meist sucht ein AX oder BX seinen vierten oder fünften Besitzer. Wenn eine Ente angeboten wird, geht der Preis entsprechend den heutigen Marktwerten schnell in die Höhe. Das Prozedere einer Auktion ist einfach: Der Verkäufer bietet sein Fahrzeug über einen Zeitraum von bis zu zehn Tagen zu einem von ihm bestimmten Mindestgebotspreis an. Wer will, der bietet mit! Und erhält mit etwas Glück bei Abschluß der Auktion einen Zuschlag. Meist befinden sich detaillierte Beschreibungen in den Geboten.  So auch hier: „ROTER ERPEL 2CV6 TOPZUSTAND, TÜV/ASU NEU/ KEIN ROST„. Wer kann bei einer solchen Beschreibung schon nein sagen?

Minuten vor Auslauf der Auktion stellte sich noch immer kein Gebot ein, und wir schlugen zu: Kurz vor Auktionsende setzten wir das Mindestgebot in Höhe von 2.900,-DM. Und erhielten den Zuschlag! Jetzt klappte es mit der Kontaktaufnahme schon besser, denn noch am gleichen Abend erreichte uns eine eMail mit der Telefonnummer des Verkäufers. Da der Standort des Fahrzeuges nur knapp 150 Kilometer entfernt war und überdies ein  Wochenende vor der Tür stand, vereinbarten wir die Abholung des Fahrzeuges für den nächsten Tag. Da der Verkäufer freundlicherweise eine Anfahrtsskizze geschickt hatte, endete die anderthalb stündige Anfahrt in einer Neubausiedlung in der Nähe von Münster. Und dort wartete vereinbarungsgemäß die ersteigerte Ente mitsamt ihrem Verkäufer. Schon im zweiten oder dritten Satz klärte der etwa 30 Jahre alte Verkäufer sein Verhältnis zu der roten Ente: „Für mich wäre das kein Auto!“ Dass er sein automobiles Herz an Fahrzeuge vom Schlage eines BMW verloren hatte sei nur am Rande erwähnt … Die Ente – so stellte es sich im weiteren Gespräch heraus – hatte der Verkäufer vor einigen Wochen bei einem Händler für seine Freundin gekauft.

Zunächst schien die Ente zu halten, was das Angebot versprach. Für ein 12 Jahre altes Exemplar stand die Ente fast makellos im spätsommerlichen Licht eines Oktobernachmittags. Schon bei oberflächlicher Betrachtung entfernte sich das Fahrzeug von der Beschreibung. So fielen an den hinteren Türen und der Kofferraumklappe unschöne helle Flecken ins Auge, die von einer übermäßigen Bearbeitung mit Politur zeugten. Schwerer wogen jedoch die deutlichen Korrosionsspuren an den unteren Kanten der Türen, am hinteren Wagenabschluss und an den Verbindungen zwischen vorderer und hinterer Karosseriehälfte. Dieses Federvieh war von der angepriesenen Rostfreiheit offensichtlich weit entfernt. Bei näherem Hinsehen waren auch erste Rostlöcher in den hinteren Türen erkennbar. Ebenfalls – wenn auch im Frühstadium – hatte sich der Gilb im Scheibenrahmen und der Motorhaubenscharnierleiste eingenistet.

Oberflächlich betrachtet ein schönes Auto. Doch im Detail stimmte etliches nicht!

Der Unterboden bestätigte den bisher gewonnenen Eindruck. So waren sowohl am Rahmen, als auch an den vorderen und hinteren Bodenblechen großflächig Reparaturbleche verarbeitet worden. Wirklich ernst wurde es aber im Kofferraum: Dort wo die hintere Sitzbank an die Innenkotflügel verschraubt ist,  zeigten sich beidseitig jeweils zehn Zentimeter lange Durchrostungen, die man wohl bei der gerade einmal ein paar Wochen vergangenen Hauptuntersuchung übersehen hatte!!! Auch wenn eine Ente ohnehin nicht zu den crashresistenten Autos gehört: Man mag sich lieber nicht vorstellen, wie sich eine mit Personen besetzte Rückbank im Falle des Falles verhalten würde. Anscheinend hatte man es bei der behördlichen Abnahme auch in anderen Prüfungspunkten nicht ganz genau genommen: Einer der Frontscheinwerfer neigte sich auf seinem Träger bedrohlich in eine ganz andere Richtung als vorgeschrieben. Unfallbedingt wohl, denn der rechte vordere Kotflügel war augenscheinlich ebenso wie die vordere Stoßstange vor nicht allzu langer Zeit erneuert worden.

Es folgte eine ausgiebige Probefahrt. Schon beim Einsteigen fiel ein unangenehmer Geruch auf, dessen Ursache in den satt mit Teer eingestrichenen Bodenblechen lag. Nichts für geruchsempfindliche Personen. Starten ließ sich der Wagen ohne Probleme. Einmal in Fahrt gekommen entpuppte sich der Motor als durchaus leistungsfähig. Allerdings bei deutlich über dem Normalmaß liegender Geräuschentwicklung: Der hintere Auspufftopf hatte seine besten Tage hinter sich. Und der vordere war unfachgerecht eingebaut worden, denn an den Heizbirnenflanschen traten trotz reichlicher Auspuffpaste Abgase in den Motorraum. Auch das Getriebe bot Anlass zur Klage: Es ließ sich nur unter Anwendung von Gewalt schalten. Demgegenüber kritiklos funktionierte die Betriebsbremse. Ohne das berühmte Quaken von hinten verzögerte sie prompt. Warum hingegen die Handbremse überhaupt nicht funktionierte, entzieht vor dem Hintergrund der jüngst erfolgten Hauptuntersuchung unserer Kenntnis. Um das Trauerspiel zu beenden wurde das Auto zurückgesteuert. Dass schon bei leichten Bodenwellen die Federtöpfe mit lautem Knarren von mangelnder Schmierung kündeten war angesichts der bereits gefundenen Mängel kein wirkliches Problem mehr. Weitere Kleinigkeiten wie die defekte Tankuhr, der durchgesessene Fahrersitz oder aber die fehlende Arretierung des Seitenfensters bestätigten den gewonnenen Eindruck. Wir hatten es hier keinesfalls mit einem „Erpel im Topzustand“ zu tun. Allenfalls mit einem maladen Exemplar das an deutlicher Flügelschwäche litt.

Kein Rost? Grosse Rostlöcher im Kofferraum bezeugten das Gegenteil!

Auf die Rostschäden angesprochen verwies der Verkäufer auf das Alter des Autos. Überhaupt sei er kein Entenexperte und habe sich das Auto nicht in jedem Detail angesehen! Man könne nicht erwarten, dass ein solches Auto total rostfrei sei. Fraglich allerdings, warum der Verkäufer dann in seiner Anzeige vollmundig von einem rostfreien Topzustand gesprochen hatte. Die Konfrontation mit den anderen gefundenen Mängeln quittierte der Verkäufer mit einem Achselzucken. Da er nach eigenen Aussagen mit der Ente nichts verdienen und lediglich den vor ein paar Wochen gezahlten Kaufpreis herausholen wolle, reduzierte er sein letztes Angebot um gerade einmal 100 DM. Inakzeptabel für ein Auto dieser Güte!

Hinweis: Bei dem Verkäufer der beschriebenen Ente handelt es sich nicht um den Verkäufer „erpel2cv6“.

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