Das Velosolex ist wieder da!

Renaissance im Doppel: Das Velosolex ist wieder da!
 
Von Jan Eggermann, garage2cv.de (2006) / Bilder: Solex/Archiv garage2cv.de
 
Paris, im Oktober 2005. Manch ein Besucher der diesjährigen Mondial du deux-roues in Paris wird seinen Augen nicht getraut haben: Inmitten modernster Motorradtechnik fanden sich gleich zwei Erben eines längst vergangen geglaubten Zweiradmythos, des Velosolex. In Zeiten immer teurer werdender Kraftstoffe scheint das Minimalgefährt auf zwei Rädern angesichts verschwindend geringer Unterhaltungskosten vor allem in Städten wieder eine unerwartete Zukunft zu haben. Dass sich gerade in Frankreich zwei Hersteller intensiv mit der Wiederbelebung des Velosolex befassen, ist kein Wunder, denn das Bicyclette qui roule toute seule gilt hier noch immer als Nationalheiligtum: Nicht weit entfernt von Béret basque, Chanel No.5 oder der Savon de Marseille!
 

Das von Pininfarina (!) entworfene Design des neuen Velosolex ähnelt dem Vorgängermodell. Bild: Velosolex / garage2cv.de

 
Eine völlige Neukonstruktion war unter dem alten Markennamen Velosolex zu bestaunen: Das eSolex. Gleich seinem klassischen Vorfahren (weltweit bisher rund 8 Millionen mal verkauft) ist auch das neue Velosolex in schwarz gehalten, trägt silbern geschwungene Markenschriftzüge, wiegt gute 35 Kilogramm und soll eine Geschwindigkeit von 35 km/h erreichen.
 
Doch die Parallelen zum Original sind damit auch schon aufgezählt, denn so sehr das von Pininfarina entworfene Äußere dem traditionellen Velosolex ähnelt, so unterschiedlich ist dessen Antriebskonzept: Wo bisher ein kleiner 2-Takt-Motor unkonventionell per Reibrolle das Vorderrad antrieb, findet sich heute nur ein kleines Fach für Werkzeuge. Der Antrieb befindet sich nun an der Hinterradnabe und erfolgt elektrisch. „Getankt“ wird die entsprechende Lithium-Ionen Batterie etwa an der heimischen Steckdose oder im Büro. 30 Kilometer Radius sollen erreichbar sein, als Option kann eine weitere Batterie eingebaut werden, die dann die Reichweite entsprechend ehöht. Wie beim klassischen Velosolex kann die neue Variante auch mit Pedalkraft betrieben werden.
 
Im Vergleich mit klassischen Verbrennungsmotoren wird das neue Velosolex gerade einmal ein Zwanzigstel an Betriebskosten verursachen, womit ebenfalls eine der Tugenden des Vorgängers erreicht wird. Mit diesem innovativen Antrieb ist das Velosolex des Jahres 2005 eines der wenigen „no-emission“-Zweiräder. Entsprechend wird das neue „Velo“ auf den Namen e-Solex hören, wobei das „e“ selbstverständlich für den neuen Antrieb steht.
 

An der Vorderradgabel befindet sich beim eSolex ein kleines Ablagefach, der Antrieb sitzt am Hinterrad. Bild: Velesolex / garage2cv.de

 
Der Renaissance des Velosolex vorangegangen war im Juni 2004 der Verkauf der Markenrechte an Solex, Solexine (die Bezeichnung des einstigen Zweitaktöls) und Velosolex von der Fiat-Tochter Magneti-Marrelli an die Pariser Cible-Gruppe, die sich seitdem intensiv mit einer Neuauflage beschäftigt hat. So ergab eine vom Unternehmen Anfang des Jahres in mehreren französischen Großstädten durchgeführte Marktforschung, dass nicht nur der Markenname Solex immerhin noch 98% der französischen Bevölkerung geläufig ist, und 22% der Befragten Velosolex noch unter den aktuellen Zweiradherstellern Frankreichs wähnten, obwohl unter dieser Bezeichnung schon seit 1988 keine Velos mehr hergestellt werden. Noch wichtiger für den Startschuß eines neuen Velosolex-Projektes war jedoch, dass 85% eine Neuinterpretation für eine gute Idee halten und sich einen Kauf durchaus vorstellen können. Mit einem Mix aus stilistischen Anklängen an den Vorgänger und neuem Antriebskonzept zielt das eSolex ganz auf die Wünsche und Bedürfnisse der angepeilten Zielgruppe: Ein Großteil der potentiellen Käuferschicht (städtisch, zwischen 15 und 40 Jahre alt) wünschte sich anläßlich der Befragung eine möglichst umweltfreundliche, wohl aber als Velosolex erkennbare Neuauflage des Klassikers.
 
Ob die potentiellen Käufer auch mit dem originalen Velosolex vorlieb nehmen würden, war übrigens nicht gefragt: Denn neben dem ambitionerten neuen Projekt (der Verkaufsstart ist für die zweite Hälfte 2006 annonciert, wir werden bei Gelegenheit berichten) ist in Frankreich unlängst auch die Produktion des klassischen Velosolex wieder aufgenommen worden: Allerdings nicht von der Cible-Gruppe, sondern einem anderen Unternehmen, das sich nicht ohne Grund in direkter Nachfolge der alten Velosolex-Produktion sieht, seinerzeit beim Kauf der Namensrechte jedoch den Kürzeren gezogen hatte.
 

Abgesehen vom Namen entspricht das Black´n Roll S 4800 weitgehend der letzten Velosolex. Mancher Purist rüstet die entsprechenden Schriftzüge trotzdem nach. Bild: garage2cv.de

 
Doch der Reihe nach. Als Yamaha alias Motobécane im Jahre 1988 die Fertigung in Frankreich einstellte, übernahmen ehemalige Solex-Techniker Produktions anlagen und die Rechte am Fahrzeug um in China die Produktion wieder aufzunehmen. Doch zunächst wurde nichts aus dem Projekt, die bereits für eine Verschiffung nach China vorbereitete Maschinen lagen jahrelang in französischen Häfen fest. Anfang der neunziger Jahre gelangten dann die Fertigungseinrichtungen nach Ungarn, wo bis 2002 Velos hergestellt wurden. Nachlassende Fertigungsqualitäten und vor allem aber strengere Abgasregelungen brachten damals das Aus. Um der Legende nach Ende der Fertigung in Ungarn wieder neues Leben einzuhauchen, besann sich die französische Mopex als einstige Eigentümerin der Fertigungsanlagen und noch immer im Besitz der Rechte am Fahrzeug auf die einst verhinderten chinesischen Vertragspartner, stattete sie mit den alten Originalplänen aus und lässt seit Anfang 2005 einen Teil der zum Bau von Velos erforderlichen Teile dort produzieren. Mit finanzieller Hilfe von EU und französischem Staat ist unweit von Lille ein neues Werk entstanden, wo die Montage mit aus China und Frankreich stammenden Teilen mittlerweile wieder aufgenommen wurde.
 
Neben zeitgemäßen Auffrischungen (das weitgehend auf dem alten Velosolex 3800 basierende Modell ist jetzt mit Trommelbremsen, einem Tacho, einer Hupe und einem Katalysator ausgestattet) stellt vor allem die Bezeichnung „Black´n Roll“ den größten Unterschied zu den Vorgängermodellen dar, denn die Cible-Gruppe hat Mopex die alte Bezeichnung bis auf weiteres untersagt: Lediglich für den südamerikanischen Markt dürfen die Fahrzeuge noch das alte Solex-Label tragen. Der fehlende Solex-Schriftzug schreckt indes kaum: Jährlich finden einige Tausend Black´n´Roll ihre Käufer. Kein Wunder, denn das Zweirad ist mit einem Preis von 985 EURO in Deutschland das günstigste Moped und obendrein noch eine ladenneu zu erwerbende Ikone französischer Technikgeschichte. Unlängst setzte das in Sachen französischer Lebensart immer aufmerksame Figaro-Magazine „le Solex“ auf die hohe Stufe derjenigen Gegenstände, die man einfach nicht besser machen könne. Dicht neben Chanel, Béret basque und der Savon de Marseille, eben das bicyclette à moteur Black´n Roll. En avant velo!
 
Weiteres zur Velosolex
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1959: Täglich 1.400 Velosolex
Warum das Verhältnis zwischen Citroën und Solex so eng war
 
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