Autokauf im Internet: Ein Citroën Visa für 355 DM

Autokauf im Internet
Ein VISA für 350 DM?

Wer vor einigen Jahren in Deutschland auf die Suche nach einem VISA-2-Zylinder ging, der brauchte vor allem Geduld: Während schlechte Exemplare als Organspender für kleines Geld angeboten wurden, wurde es für wirklich gute Exemplare schwierig: In meist pflegender Rentnerhand war an die auch mit dem alten Führerschein der Klasse 4 zu fahrenden Zweizylinder-Modelle nicht heranzukommen. Dann sollte sich dieser Zustand radikal ändern: Mit Neufassung der einschlägigen Gesetzesbestimmungen konnten die betagten VISA-Fahrer nun auch auf größere Modelle umsteigen. Und das Internet sorgte schnell dafür, dass entsprechende Angebote nun auch überregional Beachtung finden konnten. Garage2CV hat die Gelegenheit genutzt um auch einen solchen Autokauf im Internet zu testen. Mit unerwartetem Ausgang. Doch lesen Sie selbst!


Erste Fotos via eMail: Ein zwiespältiger Eindruck.

Deutlicher als in seiner Anzeige „Wie wär´s mit 36 gesunden PS in der Ente?“ konnte es der Anbieter des getesteten Fahrzeuges nicht ausdrücken: Als Organspender für die schnelle Ente sollte der Wagen noch taugen. Vielleicht auch zu mehr, denn in der weiteren Beschreibung war von einem voll fahrbereiten Auto die Rede, dass lediglich aufgrund von leichten Mängeln die letzte Tüv-Untersuchung nicht bestanden hatte, sich aber ansonsten laut Verkäufer in einem gepflegten Zustand mit originalen 55000 Kilometern präsentiere. Da es in der Anzeige keine Bilder gab, blieben wir skeptisch. Ein VISA für 350,- DM? Mit Tüv-Mängeln? Die weitere Kontaktaufnahme bescherte uns wenige Stunden später erste Fotos via eMail und weitere Informationen. Einerseits ließen die Bilder bezüglich des Zustandes durchaus noch Interpretationsspielräume zu. Da der Verkäufer aber ohne Nachfrage von sich aus einen Rücktritt vom Kauf für den Fall von Abweichungen anbot, blieben wir am Ball.

Doch der fiel zunächst einem anderen zu: Sekunden vor Ablauf der Internetauktion wurden wir noch überboten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als uns nochmals mit dem Verkäufer in Verbindung zu setzen und ihm anzubieten im Falle eines Rücktritts des erfolgreichen Bieters noch mal mit uns Kontakt aufzunehmen. Genau sieben Tage später erreichte uns dann eine freudige eMail. Der Käufer habe sich nicht mehr gemeldet und bei entsprechendem Interesse könnten wir uns das Auto noch am gleichen Tage ansehen. Gesagt, getan! Unsere Besichtigungsfahrt führte zu einem alten Gehöft im nördlichen Ruhrgebiet, wo der VISA in einer Scheune auf den Besichtigungstermin wartete. Eigentlich – so der Eigentümer des „schlüpferblauen“ Autos – habe er den Wagen tatsächlich nur aufgrund des Motors von einem Citroën-Händler gekauft, der ihn vor ein paar Wochen gegen einen Neuwagen in Zahlung genommen hatte. Das VISA-Aggregat sollte eigentlich in einen Ami6 implantiert werden, doch das in Frage kommende Restaurationsobjekt hatte sich als dermaßen mürbe herausgestellt, dass von dieser Planung Abstand genommen werden musste.

Genau betrachtet entpuppte sich der VISA dann als Scheckheft-gepflegtes Exemplar aus zweiter Hand, dass tatsächlich nur aufgrund einer nicht mehr funktionierenden Handbremse aus dem Verkehr gezogen worden war. Die gezeigten Rechnungen belegten, dass diesem Auto hier in jüngster Zeit eigentlich bis auf die hinteren Bremsen alle Verschleißteile neu spendiert worden waren. Ob Anlasser, Lichtmaschine, Zündgeber oder auch Batterie und Luftfilter: Alles war noch kein Jahr alt. Der tatsächlich einzige offensichtliche Mangel war ein nicht fachgerecht grundierter Kotflügel vorne, dessen Lack sich langsam schon wieder vom Blech verabschiedete.

Es gab also keine Debatten mehr: Wir kauften den Wagen für unser ursprüngliches Gebot in Höhe von 350,- DM. Für die restlichen fünf Mark bekamen wir vom Verkäufer noch einen originalverpackten Band der Korp-Reihe „Jetzt helfe ich mir selbst“.


Gute Figur nach zwei Jahren.

Um das Fahrzeug wieder straßentauglich zu machen, waren dann nach einer aufwändigen Generalreinigung (die nach Demontage der Innenausstattung den guten Zustand des  blechernen Kernes des VISA zu Tage führte) erwartungsgemäß zunächst nur die hinteren Bremsen einer Überholung zu unterziehen. Eine Überholung, die sich mit den von einem freien Citroën-Teilehändler gelieferten VISA-Bremsbelägen aufgrund minderer Teilequalität nicht durchführen ließ. Wir mussten uns also der traditionellen Methode bedienen und neue Bremsbeläge aufnieten. Seine Bewährungsprobe hatte der VISA nach erfolgter Tüv-Untersuchung im Mai 2000 im harten Alltagseinsatz zu bestehen, der mittlerweile zwei Jahre andauert und dem Tachometer weitere 30000 Kilometer mehr beschert hat. Im Verlauf dieser zwei Jahre waren dann erwartungsgemäß weitere Reparaturarbeiten notwendig.

Ein schwerwiegender Zwischenfall ereignete sich gleich einige Wochen nach Zulassung des Fahrzeuges. Obwohl der Wagen äußerlich kaum Spuren von Korrosion zeigte, war es gerade der Rost, der einer abendlichen Fahrt ein jähes Ende bereitete. Mit einem lauten Knall legte sich der VISA abrupt tiefer: Der untere Federteller eines hinteren Stoßdämpfers war abgerostet und machte nun eine Weiterfahrt unmöglich. Mittels neuer Stoßdämpfer konnte das Problem zwar relativ schnell behoben werden, es blieb jedoch eine skeptische Grundhaltung gegenüber den auf dem freien Markt erhältlichen Ersatzteilen. Die ebenfalls über einen bekannten freien Händler beschafften Stoßdämpfer ließen sich leider nur zu schwer mit den originalen Staubschutzmanschetten zusammenbringen. Fazit: Hände weg von Nachbauteilen. Weitere erwähnenswerte Reparaturen im Laufe der Monate waren ein hinteres Radlager das nach einigen Wochen seinen Dienst quittierte, ein defekter Öldruckschalter der den Ölverbrauch kurzfristig auf Rekordwerte ansteigen ließ und eine Kontaktplatte der hinteren Leuchteneinheiten die sich partout weigerte den Strom zu leiten.

Erwähnenswert bleibt noch eine defekte Batterie und hier und da Probleme beim Starten aufgrund von korrodierten Kabeln am Anlasser. Ansonsten entpuppte sich der VISA als Glücksgriff. Nach zwei Jahren und ein paar Rostpickeln hier und da macht das Auto nach wie vor eine gute Figur. Angesichts des geringen Anschaffungspreises zweifellos eine neue Erfahrung zum Thema Autokauf im Internet.

Von Jan Eggermann

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