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Lloyd Arabella
Imposanter Stapellauf in Bremen

Hallo Stuttgart - ist dort hobby-Redaktion? Fräulein, bitte verbinden Sie mich doch schon!!" - "Wer spricht denn dort, melden Sie sich doch bitte ..." - "Hier ist der Bremer Korrespondent - schnell bitte - ich hab´ ihn! Hören Sie, ich habe ihn!!" Aber so beruhigen Sie sich doch! Wen haben Sie? - "Mein Gott, fragen Sie doch nicht soviel! Bremens neuesten `Dampfer´ hab´ ich. Den sensationellsten Stapellauf der Hansestadt! Das neue `Flaggschiff´von Lloyd ... " -
"Ich verstehe. Augenblick - ich verbinde Sie mit unserem Schiffahrtsfachmann ..." -"Nein, nein! Ich spreche von einem Auto !" ...

So kann es kommen, wenn eine süddeutsche Telefonistin sich in der waterkantischen Terminologie eines mit Wesermündungswasser getauften Autokorrespondenten nicht auskennt. Nun, an der Tatsache, daß dieser Bericht heute in hobby erscheint, mögen Sie erkennen, daß die beiden Telefonpartner sich schließlich doch noch verständigen konnten. Zugegeben, auch wir waren anfangs etwas überrascht, mit welch südländischer Emphase uns unser norddeutscher Korrespondent von der Bremer Überraschung berichtete. Wir hatten ihn schon vor längerer Zeit sozusagen auf die Spur gehetzt, um für unsere Leser zu erkunden, was an den verschiedenen Parolen und Gerüchten um einen neuen Sproß des Hauses Lloyd sei. Immer wieder aber ernteten wir ein " ... in Bremen nichts Neues" von ihm. Der `Secret Service´ bei Lloyd schien so gut zu funktionieren, daß selbst einem raffinierten Journalisten der Blick hinter die Kulissen unmöglich war. Daß in der Hexenküche der Bremer Ingenieure, Konstrukteure und Stilisten etwas ausgekocht wurde - soviel drang durch die Ritzen; mehr aber auch nicht. Wohl selten ist es einem Automobilwerk gelungen, den Schleier vor einer neuen Kreation so lange und dicht geschlossen zu halten. So waren wir ehrlich überrascht, als wir den Langerwarteten endlich doch zu Gesicht und sogar in die Finger bekamen! Der Fachmann merkte es sofort: dies war kein improvisierter Schnellschuß, keine gequälte Hochzüchtung, sondern eine von A bis Z eigenwillige Neukonstruktion als Produkt durchdachter Ingenieurarbeit - und sorgfältiger Marktforschung. Es will uns scheinen, daß man bei Lloyd bewußt und konsequent mit diesem großen Kleinwagen eine neue Ära der für seine Pionierarbeit auf dem Kleinwagensektor berühmten Werkes begründen wollte. Die Linienführung ist auf den ersten Blick modern und wirkt bei aller Zweckmäßigkeit elegant und anspruchsvoll.

Man hatte - verschiedenen on-dits zufolge - allgemein erwartet, die Stilisten von Lloyd würden sich auch bei dem neuen Wagen von einem renommierten italienischen Karosserieschneider `inspirieren´ lassen, die sich ja allmählich zu wahren Modediktatoren der europäischen Auto-Haute-couture entwickeln. Dieser Schluß lag bei Lloyd besonders nahe, da mit dem Sportcoupé Alexander Frua schon die ersten Schritte getan waren. Der neue 900er aber ist - wie uns glaubhaft versichert wurde - ein durch und durch echtes Bremer Eigengewächs.

Ein Wagen von ausgewogener Linienführung braucht keine Chromspielereien zur Akzentuierung. Ein vollendet schönes Kleid - sagt man - muß auch ohne glitzernden Flitter schön sein. Es ist den Konstrukteuren in Bremen hoch anzurechnen, daß sie dem (übrigens allgemein unterschätzten) sogenannten Publikumsgeschmack, von dem man gern behauptet, er verlange nun mal Chromschnickschnack, nicht willig entgegengekommen sind. So blieb die eingepreßte Flankenschwinge in der heute fast als standardmäßig geltenden Form die einzige, vielleicht auch noch vermeidliche Konzession, zumal der Kühlergrill ebenso spartanisch wie gekonnt erscheint. Nicht jede Panoramascheibe schafft ein gutes Panorama! Was den freien Blick vom Fahrersitz meist am unangenehmsten behindert, sind im allgemeinen doch wohl die dicken Pfosten. Auch in dieser Hinsicht stellte man in Bremen die Vernunft über die Mode - wenigstens, was die Windschutzscheibe betrifft. Die Lösung ist nicht neu, aber gut. Die sehr schmalen Dachpfosten ermöglichen eine wirklich ideale Rundsicht; zudem bieten sie den Vorteil seitlicher Belüftungs-Schwenkfensterchen an den Vorderseiten.
Zur selbsttragenden Karosse hat man sich bei Lloyd nicht entschließen können. Dies hat wohl seinen Hauptgrund darin, daß sich das Zentralrohrchassis mit verschraubter Karrosserie in langjähriger Erfahrung bewährt hat.Zweifellos hat diese Bauart etwas für sich. Wer je Blechschäden ausbessern lassen mußte, weiß sie zu schätzen. Ein gutes Rückgrat - so argumentiert man außerdem - ist ein verläßlicher Stabilitätsfaktor für alle Lebewesen! Und do etwas wie ein Lebewesen ist den Zweckmäßigkeitsfanatikern von Lloyd ihr Auto schon immer gewesen. Die Räder sind einzeln aufgehängt in Schraubenfedern, die man sich - dem anspruchsvollen Fahrzeug gemäß - ein bißchen schmiegsamer vorstellen könnte.

Aber auch hier blieb man in Bremen hart: der Lloyd 900 will sein ganzes erstaunliches Temperament auch wirklich auf die Strasse bringen. Und das tut er in frappanter Weise. Nicht zuletzt mag dies ein Verdienst der in zahlreichen Rennen und Zuverlässigkeitsfahrten erprobten gezogenen Längslenker der Hinterradaufhängung sein. Daß auch das neue Flaggschiff von Lloyd Frontantrieb besitzen würde, war allen, die das Haus und die nicht wegzudiskutierenden Vorteile dieser Antriebsart kennen, von vornherein klar. Daß man aber das Kunststück fertig brachte, trotz Frontantrieb den einmaligen Wendekreis von sage und schreibe 9,1 Metern zu zaubern, das ist eine der vielen angenehmen Überraschungen die uns der neue Bremer Star zu bieten hat. ...
Weil wir schon bei den Überraschungen sind: hier gleich eine Handvoll weiterer! Da ist zunächst das im unteren Teil leicht abgeflachte Lenkrad. Gar nicht dumm! Es sieht zunächst zwar etwas ungewöhnlich aus, hat aber nicht nur für wirtschaftswunderlich beleibte Fahrer seine unleugbaren Vorteile. Da ist zum Beispiel im schön und blendfrei eingefaßten Anzeigegerät neben den üblichen Color-Warnlichtern noch ein sehr vernünftiges gelbes Lichtlein, das erst erlischt, wenn die Handbremse auch wirklich gelöst ist. ...
Genug der Gags! Sie sind letztlich nur angenehme Begleiterscheinung, wichtiger Komfort der Fahrsicherheit; denn ein Auto soll ja als wichtigstes fahren! und das tut der Lloyd 900 wirklich. Das vollsynchronisierte 4-Ganggetriebe läßt die 38 PS dieses grossen Kleinen (oder sollte man sagen: kleinen Großen?) voll zur Geltung kommen. Der wassergekühlte Boxermotor schafft die als Spitze angegebenen 120 km/h bei etwa 4800 U/min. Und er schafft sie mit zufriedenem, gesundem Brummen, so daß man Geschwindigkeiten in diesen Bereichen durchaus auch als Dauerleistung fahren kann. Man hat beim Fahren das Gefühl, der Motor würde kuzzeitiges Überdrehen nicht übelnehmen. ... Wir sagten eingangs, der 900er aus Bremen begründe eine neue Ära des Hauses Lloyd. Vielleicht könnte man abschließend diese Feststellung dahingehend erweitern, daß er eine neue Klasse der anspruchsvollen Kleinwagen um ca. 5000,- DM einleitet. Als sich vor einiger Zeit der große Run der 600er abzeichnete, stellte sie hobby unter den prophetischen Titel: "Auf in den Kampf, Sechshunderter!" vor. Es sieht so aus, als gäbe es bald eine neue Front auf dem Kleinwagenmarkt - ein paar hundert Kubikzentimeter höher. Sollte es soweit kommen, dann hat Lloyd in Bremen wieder einmal ausgezeichnete Pionierarbeit geleistet. G. Gebhardt für HOBBY 1959
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