60 Jahre Citroën 2CV: Skuriler Freitag im Mai 1968

 

 
Auf einem Golfplatz unweit Deauville spielen sich am 17. Mai 1968 eigenartige Szenen ab. Wir befinden uns im zwanzigsten Jahr des 2CV. In den weitläufigen Anlagen des „New Golf de Deauville“ denkt an jenem Freitag niemand ans Golfspielen. Stattdessen hört man unverkennbar Geräusche von mehreren 2CV. Doch was man sieht, hat mit dem guten alten Döschewo wenig zu tun, denn es kurven acht skurile Plastikautos in quietschigen Farben über die Rasenflächen. Türen oder Dächer haben die Vehikel nicht, stattdessen sind einige von ihnen scheinbar nur provisorisch beplant und einfache Vorhängeketten sollen die Insassen vorm Herausstürzen schützen. 

Une Mehari des Meharas: Titelseite der Werkszeitschrift Double Chevron. Foto: Citroën/Archiv garage2cv.de

1968: Werkszeitschrift Double Chevron. Foto: Citroën/Archiv garage2cv.de

Die eigenartigen offenen Wägelchen in Wellblechoptik sind mit nicht minder skuril wirkenden Leuten besetzt: Im gendarmerieblauen Auto trägt man strenge Anzüge, große Butterfly-Sonnenbrillen und Sturmhauben. Ein Wagen in grün ist hoch mit Stroh bepackt, dazu passend zwei „Mädchen vom Lande“ mit passend grünen Kopftüchern.
Der hellblaumetallic Gefärbte ist mit Blumen drapiert, seine Insassen wirken wie auf einem Hopping von einem Hippie-Festival zum nächsten. Im krassen Gegensatz dazu die beiden Mädchen im knallroten Gefährt: Sie tragen rote Plastikanzüge bis über die Köpfe. Bewaffnet sind sie mit knallroten Feuerlöschern, was insgesamt aber etwas weniger martialisch wirkt als bei den Mädchen im Blauen, denn die halten jetzt Maschinenpistolen im Anschlag.
Es gibt noch einen weißen Wagen mit Kaninchenkäfigen, und einen gelben: Knallgrün gekleidete Fahrerinnen schaukeln mit ihm ihre Golfausrüstungen durch die Gegend, was einen besonders guten farblichen Kontrast zum satten Grün des Platzes ergibt.
 
All das mutet sehr abgefahren und skuril an, und man könnte die Szenerie für Dreharbeiten eines Stanley Kubrick halten, sein Film 2001 – Odyssee im Weltraum ist erst wenige Wochen zuvor in den Kinos angelaufen. Bei genauerer Betrachtung fallen an den bunten Fahrzeugen allerdings etliche Details auf, die man schon vom 2CV kennt: Viereckige Blinker, kleine Rückleuchten, Tachometer und Volants, oder auch Michelinreifen auf typischen Dreilochfelgen. Auf den Motorhauben der Wagen ist überdies der Doppelwinkel zu sehen. Spätestens die zahlreich vertretenen Motorjournalisten sind ein Beleg dafür, dass es sich hier weder um ein Filmset, noch um ein spontanes Happening handelt. Ganz nah am (kommerziellen) Zeitgeist jener Tage zeigt hier Citroën mit zwanzig eigens engagierten Mannequins die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten einer neuen Modellreihe, es handelt sich um die offiziell organisierte Pressevorstellung des neuen Dyane 6 Méhari.
 
Dass Citroën dem Méhari (frz. für Reitkamel, Anm. d. Red) den Zusatz Dyane 6 mit in die Prospekte schreibt, ist nicht nur eine Anspielung auf den verwendeten neuen 602ccm-Motor, sondern vor allem ein Anzeichen dafür, dass man zugunsten der Dyane langsam Abstand von der Ente nehmen will. Tatsächlich sieht es im zwanzigsten 2CV-Jahr genau danach aus. In Deutschland werden knapp eintausend mehr Dyanen abgesetzt als 2CV. Doch es kommt anders: Während im mondänen Deauville von der Citroën-Werbung die Universalität des neuen Wagens zelebriert wird, fällt ganz Frankreich just an diesem Sechzehnten unter Generalstreik. Massendemonstrationen und Straßenschlachten gehören im Mai 1968 zum täglichen Bild in der französischen Hauptstadt, ebenso wie ungezählte bis auf’s Blech heruntergebrannte 2CVs … Jegliche Berichterstattung über die skurile aber perfekte Präsentation des Méhari geht im Sturm der sich überschlagenen Nachrichten unter.
 

So absurd die Art der Präsentation des Méhari im Kontext des Mai 1968 auch scheint: Als Freizeitmobil für unbeschwerte Urlaubstage wird er zum Erfolgsmodell. Bis zur offiziellen Produktionseinstellung im Dezember 1987 werden 144.953 Exemplare abgesetzt, die meisten davon in den Farben Vert Montana und Orange Kirghiz. Kein einziges davon übrigens werksoffiziell in Deutschland, denn die offene Kunststoffkarosse entspricht nicht den damals geltenden Vorschriften zur Feuerfestigkeit. Das ändert sich erst vor ein paar Jahren, als eine Angleichung der europäischen Vorschriften Citroëns Plastikente auch in Deutschland freie Fahrt gibt.
 
Damals ist der Méhari auch längst wieder erhältlich, zwar nicht von Citroën direkt, dafür aber als Bausatz aus nachgefertigten Originalersatzteilen. Der Namenszusatz Dyane 6 entfällt übrigens schon Anfang der siebziger Jahre wieder, denn gewissermaßen als Konsumenten-initierte Reaktion auf 1968 erfreut sich das Original, der 2CV, wieder steigender Beliebtheit und von Citroëns Wunschnachfolger Dyane ist schnell keine besondere Rede mehr.
 
Von Jan Eggermann, 2008.
 
P.S. Citroën kündigte Ende 2015 eine Neuinterpretation des Méhari an: Der e-Mehari verfügt über einen Elektroantrieb und wird im Citroën-Werk Rennes-la-Janais gefertigt.
 
Dieser Artikel ist Teil der Serie „60 Jahre 2CV“ und erschien in gedruckter Form erstmals im Entenschnabel, dem Magazin für 2CV-Freundinnen und Freunde!
 
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