1959: Täglich 1.400 VeloSolex

VeloSolex, das Schwesterunternehmen der weltbekanntens französischen Vergaserfirma Solex hat unlängst begonnen, auch den deutschen Markt mit ihrem Moped zu beliefern. Nun wäre es an sich nichts Besonderes, wenn neben den vielen Mopedherstellern mit ihren zahlreichen Mopedmodellen noch ein weiterer aus Frankreich hinzugekommen wäre. Aber bei VeloSolex ist es doch schon etwas Besonderes. Allein der Preis von 345 DM genügt schon, um sehr aufmerksam zu werden, ist es doch bei uns so, daß man erst von etwa 500 Mark an aufwärts brauchbare Mopeds haben kann. Worin liegt also das Geheimnis von VeloSolex und wie kommt es, daß in 13 Jahren über 2 Millionen dieses einen Fahrzeugmodells verkauft werden konnten, das im großen und ganzen unverändert geblieben ist? (Heute, nach fünfzig Produktionsjahren und über 6 Millionen Stück hat sich daran nichts geändert – Anm. d. Redaktion) VeloSolex lud uns jetzt ein, selbst einmal in Paris an Ort und Stelle hinter die Kulissen zu schauen und seine eigenwillige, aber erfolgreiche Produktions- und Verkaufspolitik kennenzulernen. In den Pariser Werken produziert jetzt täglich eine Belegschaft von 700 Menschen 1400 Mopeds. Kein einziges deutsches Werk hat einen so großen Tagesausstoß eines Mopedmodells.
 

1959: Blick in Auslieferungshalle des VeloSolex-Werkes in Levallois am Rande von Paris.

M. Goudard, der Mitbegründer von Solex, hatte schon vor dem Kriege die Idee, ein Fahrrad mit einem möglichst einfachen Hilfsmotor auszurüsten und so ein preiswertes, populäres Beförderungsmittel zu produzieren. So entstand bereits 1938 der Motor, und 1940 war der erste Prototyp da, bestehend aus diesem Motor, der noch heute im Grundprinzip vorhanden ist, und einem normalen Fahrrad. 1944 schließlich gab es dann jenen Prototyp, dessen Fahrradrahmen wesentlich verstärkt wurde und fast identisch ist mit der noch heute gültigen, gültigen Konstruktion. Die erste Serie von täglich 8 VeloSolexmachinen lief am 2. Mai 1946 Paris-Courbevoie in den wiederaufgebauten ehemaligen Werkshallen der Hispano Suiza an. Bereits 1951 waren es 240 Stück pro Tag des weiter verbesserten Modells. 1955 sah man wiederum eine weiterentwickelte, doch im Prinzip unveränderte Ausführung, von der nun bereits täglich 920 Fahrzeuge vom Band rollten. 1958 betrug der Tagesausstoß 1.290 Fahrzeuge mit den Verbesserungen, wie sie auch heute noch produzierte Ausführung besitzt.
 

Fertigung der mechanischen Teile bei VeloSolex in Levallois, 1959.

Zu den charakteristischen technischen Merkmalen des VeloSolex-Mopeds gehört die einfache stabile Zweckkonstruktion fast ohne jede Verzierung. Es gibt keine Vorder- oder Hinterradfederung, kein Getriebe, keine Antriebs kette , keinen Benzinhahn oder Schwimmergehäuse. Das Fahren ist durch die Einhebelbedienung ungewöhnlich einfach, denn man zieht den Hebel zum Starten, indem man die Kompression löst, und man gibt mit demselben Hebel Gas bzw. unterbricht die Gaszufuhr und hält dann an, wobei lediglich noch die Felgenbremsen bedient werden müssen. Vor allen Dingen läßt sich das VeloSolex bei abgeschaltetem Motor besonders leicht mit den Pedalen fahren.
Das Werk von VeloSolex ist in sehr konsequenter Weise durchorganisiert. Das beginnt beim Aufstellen der modernen Werkzeugautomaten, die im Durch schnitt kaum älter als zwei Jahre sind. Hinzu kommt, daß fast jede Maschine über eigene Solex-Micro-mètre-Meßinstrumente verfügt, so daß sofort jedes fertige Werkzeug auf vorgesehene Toleranz überprüft werden kann. Allerdings kann man sich bei einer Firma dieser Größenordnung ein so ausge klügeltes Kontrollsystem wohl nur leisten, weil die kostspieligen Meßinstrumente sozusagen in der Familie hergestellt werden. Es gehört zweifellos viel Mut dazu, nur ein einziges Modell herzustellen und diesen Moped-Typ praktisch über Jahre hinaus unverändert zu lassen. Mit nur 35 Mann werden in dem automatisierten Rahmenwerk täglich 12.000 Rahmen hergestellt, wobei man die Spitzenforderung der Hochsaison dann aus Lagerbeständen deckt. Nicht weniger praktisch sind die Ersatzteilhaltung und Packerei eingerichtet, denn die schnelle und reibungslose Ersatzteilversorgung spielt eine entscheidende Rolle bei VeloSolex.
 

Endabnahme auf einem der bekannten VeloSolex-Prüfstände. Sie sind damals nicht nur im Werk, sondern auch bei allen größeren Händlern vorhanden.

Die Solex-Leute wachen mit Argusaugen über den soliden und fachlich einwand freien Aufbau ihrer Kundendienststationen, weil sie mit Recht erkannt haben, daß nur so auf Dauer ihre guten Verkaufserfolge erhalten bleiben können. Die Solex-Inspektoren schreiben aber nicht nur die äußere Sauberkeit vor, sondern sprechen im Namen des Werkes oft ein entscheidendes Wort mit bei der Gestaltung der Räumlichkeiten. So müssen die Händler genormte Werkstatt ausrüstungen, Arbeitsstände, Prüfstände, Ersatzteilschränke und dgl. anschaffen. Gerade durch den geringen Preis, der in Frankreich umgerechnet sogar nur 280 Mark pro VeloSolex-Moped beträgt, ist das Werk auf großen Absatz ange wiesen. In Frankreich erhalten die Händler nur 14% Provision, und in einer Stadt wie Orléans mit 70.000 Einwohnern werden monatlich rund 170 VeloSolex-Mopeds verkauft. (…)
 

In den Spitzenzeiten der fünfziger Jahre verlassen täglich bis zu 1.400 VeloSolex das Werk.


 
Naturgemäß sind die Verkaufsverhältnisse in Deutschland z.T. ganz anders. Dennoch gibt es bei uns einschließlich Saargebiet in 23 Städten VeloSolex-Kundendienst stationen mit dem entsprechenden Netz von Unterhändlern. Der weitere stetige Ausbau ist bereits in vollem Gange. Obwohl der Käufer aus mancherlei Gründen psychologisch gegenüber diesem sehr nüchtern wirkenden Fahrzeug, das zudem mit Einganggetriebe in gebirgigen Gegenden durchaus nicht in gleicher Weise geeignet ist, Vorbehalte geltend macht, gibt es auf der anderen Seite erstaunliche Aufgeschlossenheit. Denn die Argumente der Wirtschaftlichkeit bezüglich Anschaffungspreis und Unterhalt sind letzten Endes gewichtige Pluspunkte der VeloSolex-Konstruktion. Sehr wesentlich für den Erfolg von VeloSolex sind die zum Teil bewußt niedrigen Ansprüche in anderen Ländern, wo sich die Leute auch ohne Getriebe oder Federung zufrieden geben. Schade, daß so etwas anscheinend nur in Frankreich möglich ist.
Joh.-Chr. Spira
 
Im Original erschienen 1959 in der Motor Rundschau.
Le petit monde du Vélosolex, erhältlich in unserem Buchshop

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